Zehn Tage vor Beginn der weihnachtlichen Waffenruhe in Vietnam fielen während eines amerikanischen Luftangriffs Bomben und Raketen auf Wohnviertel der nordvietnamesischen Hauptstadt Hanoi. Etwa vierzig bis fünfzig Zivilisten wurden getötet, ebenso viele verletzt, ein Slumviertel nahe dem Roten Fluß, Schulen und Pagoden wurden zerstört. Sogar die chinesische und die rumänische Botschaft wurden getroffen.

Im Nu lief die antiamerikanische Propaganda im Ostblock auf Hochtouren. Auch außerhalb des kommunistischen Machtbereichs wurde Kritik laut: UN-Generalsekretär U Thant und der „Osservatore Romano“ mißbilligten diese Störung der neuen Friedensvermittlungen; britische Labour-Abgeordnete schickten ein Protesttelegramm an Präsident Johnson.

Der Verdacht, US-Militärs hätten in letzter Minute noch Verhandlungen zu torpedieren versucht, verstärkte sich, als die US-Behörden eine äußerst unglückliche Informationspolitik betrieben.

Der Sprecher des State Departments schloß zunächst die Möglichkeit nicht aus, daß einige Bomben ihre Ziele (ein Eisenbahndepot und einen Lkw-Park am Stadtrand) verfehlt haben könnten, wie es in Südvietnam öfter geschieht. Er verneinte aber die Frage, ob Hanoi angegriffen worden sei, die Ziele seien doch etliche Meilen vom Zentrum der Millionenstadt entfernt. Auf deutsche Verhältnisse übertragen: Bomben auf Schwabing sind nicht das gleiche wie Bomben auf München.

Die Militärs in Saigon hingegen wußten sofort: „Wir haben sehr präzise gezielt!“ Die Auswertung von Photos und Pilotenberichten habe ergeben, daß alle Bomben nur militärische Ziele getroffen hätten.

Für die unwiderlegbaren Schäden im Stadtgebiet gaben die Militärs ihre eigene Version: Wahrscheinlich seien während des heftigen Abwehrfeuers sowjetische Flakraketen und Flakgranaten ins Stadtgebiet gefallen. Das Pentagon lehnte es allerdings ab, die Behauptung durch Aufklärungsflüge über Hanoi nachzuprüfen.

Washington entschloß sich erst nach drei Tagen zu einem Dementi, gestützt auf eine Karte des Pentagon, in der die Stadtgrenzen Hanois sehr eng gezogen sind. Nicht dementiert wurde die Version, daß sich die US-Piloten – von Raketen, Flak und MIG’s bedrängt – ihrer Bombenlast durch ziellosen Notwurf entledigt haben könnten.