Alle Menschen, die eine Ahnung haben, was Weihnacht eigentlich bedeutet, werden mit der Feststellung einverstanden sein, daß die Art und Weise, in der das große Fest von der überwiegenden Mehrheit der Menschen in unserem Teil der Welt gefeiert wird, nichts mit der ursprünglichen Geschichte zu tun hat. Der Westen gibt in der Weihnachtszeit eine Demonstration seines undialektischen Materialismus.

Die Distanz zwischen jenen Eltern, die keinen Platz in der Herberge fanden, und denjenigen, die Weihnacht im besten Restaurant feiern, ist so groß geworden, daß man für diese moderne Weihnacht einen anderen Namen suchen sollte.

Aber wie steht es mit der Weihnachtsfeier derjenigen, die Weihnacht ernst nehmen wollen? Es scheint mir, daß wir – gerade wenn wir das materialistische Mißverständnis vermeiden wollen – sehr leicht den umgekehrten Fehler machen und die Weihnachtsbotschaft mißverstehen als ein Geschehen, das nur auf der Ebene des Geistes stattfindet und mit unserem weltlichen Leben wenig oder nichts zu tun hat.

Nehmen wir als Beispiel die bekannten Worte aus dem Magnificat. Maria singt: „Die Hungrigen füllet, er mit Gütern und laßt die Reichen leer.“ Diese Worte sind ein Echo der an manchen Stellen im Alten Testament ausgesprochenen Hoffnung, daß die messianische Zeit die Überwindung der menschlichen Nöte bringen wird. Hanna, die Mutter Samuels, hatte ähnlich gesprochen. In den Psalmen ist die gleiche Erwartung zu finden. Denn Israel bleibt der Erde treu und kennt keine von der irdischen Wirklichkeit abstrahierte Hoffnung. Nun ist es auffallend, wie oft spätere Ausleger des Magnificat gesagt haben, daß es hier natürlich um geistige Not und geistigen Hunger geht.

Es ist sicher eine zentrale biblische Wahrheit, daß der Mensch, der sich vor Gott als Bettler weiß, auch wenn er ein Zöllner ist, Gnade finden wird, nicht aber der selbstgerechte und arrogante Mensch, auch wenn er das Gesetz hält. Das aber heißt nicht, daß das Evangelium nur mit geistigem Hunger zu tun hat. Wenn der Herr im Gleichnis sagt: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist“, so spricht er von dem wirklichen Hunger. Und Lazarus starb vor der Tür des reichen Mannes, weil er nichts zu essen hatte. Wir haben kein Recht, so übergeistig zu sein, daß wir diesen biblischen Realismus zu verbessern trachten.

Geistig ist nicht dasselbe wie weitabgewandt. Der russische Philosoph Nicolai Berdiaev hat gesagt: „Die Frage meines eigenen Brotes ist eine materielle Frage, die Frage des Brotes meines Nächsten ist eine geistige Frage.“ Denn wenn ich mich wirklich um meinen Nächsten kümmere, so muß ich mich um seine ganze Existenz kümmern. Die materiellen Güter sind nicht wichtig „an sich“, aber sie werden wichtig, wenn es darum geht, den Mitmenschen aus der Not zu retten.

In diesem Sinne bedeutet Weihnacht Revolution. Denn es wird verkündigt, daß die Ordnung, in der die einen alles haben, was sie brauchen, und die anderen in der Bedrückung bleiben, nicht endgültig sein kann und sein darf.