Es war Weihnachten. Zum erstenmal verbrachte der 28jährige, der so viel Wert auf eine kultivierte Umgebung legte, das Fest nicht daheim und unter nicht gerade angenehmen Umständen. „Ich bin zu müde, um auf ihre reizenden Verse zu antworten, und zu sehr ausgefroren...“ schrieb er in einem Brief, „wollen Sie etwas von meiner Lebensart erfahren? Wir marschieren von 7 Uhr früh bis 4 Uhr nachmittags. Dann esse ich zu Mittag, danach arbeite ich und empfange langweilige Besuche, dann folgt eine Menge geschmackloser Geschäfte: es gilt, schwierige Menschen zurechtzusetzen, Hitzköpfe zu zügeln, Faulpelze anzutreiben ... Raubsüchtige in den Grenzen des Rechts zu halten, Schwätzer anzuhören ... So sind meine Beschäftigungen; herzlich gern würde ich sie einem andern abtreten, wenn nicht dieses Phantom, Ruhm genannt, mir zu oft erschiene...“

In einem übertrieb er: Tatsächlich hätte er jene Beschäftigungen keineswegs „herzlich gerne“ einem anderen überlassen. Jedenfalls jetzt noch nicht. Noch war der Reiz des Neuen allzu groß. Erst seit einer Woche steckte er in diesem Abenteuer, in das er sich (aber nicht nur sich allein) Hals über Kopf gestürzt hatte. Und wenn er seine Müdigkeit anführt und daß er „ausgefroren“ ist, dann verbirgt sich dahinter ein gut Teil Koketterie: Er möchte seinem zwanzig Jahre älteren Briefpartner, dessen Überlegenheit auf anderem Gebiet er mehr als einmal hatte eingestehen müssen, jetzt die eigene, für jenen unerreichbare Stellung andeuten. Es ist also die größere, die ernstere, die aktuellere Aufgabe, die ihn hindert, auf jene „reizenden Verse“ zu antworten. Marschieren ist jetzt wichtiger als Reimeschmieden; die Zeit der Tändeleien ist vorüber. – Das war es, was er zu verstehen gab. Und auch dies wollte der Ruhmbegierige andeuten: daß der wahre Ruhm nicht durch Worte, sondern allein durch Taten zu gewinnen sei.

Das schien neu zu sein. Bis dahin hatte er gerade das Gegenteil behauptet und solche Taten, zu denen er sich jetzt anschickte, als Illusionen abgetan, als „das trügerische Phantom eines eitlen Ruhms“. Begeistert hatte sein Briefpartner überall von ihm verkündet, „welch ein Jünger“ er sei: „Er liebt nur das Wissen und die Tugend ...“ Wirklich schien ihm Wissenschaft das Höchste im Leben. Für Bücher hatte schon der Fünfzehnjährige siebentausend Taler Schulden gemacht; insgeheim hatte er sich eine Bibliothek von nahezu viertausend Bänden angeschafft! Ein Teil des Geldes war allerdings für etwas anderes ausgegeben worden, und zwar für Kleidung. Weil er stets und ständig Uniform tragen sollte, die er haßte (er nannte sie den „Sterbekittel“), hatte er sich teure Zivilkleidung machen lassen, die er aber nur heimlich tragen konnte.

Jetzt trug er wieder Uniform. Aber freiwillig. Er marschierte gegen jene, die sich einmal mit Nachdruck für sein Leben eingesetzt hatten und denen er versprochen hatte, „lebenslang ...aufrichtige und überzeugende Proben“ seiner „schuldigen Ergebenheit“ und seines „hohen patriotischen Eifers“ zu zeigen.

War er unaufrichtig? Die Antwort hat er selber gegeben: „Niemand ist Herr seines Geschicks; wir werden geboren und haben eine Rolle zu spielen, die uns oft genug nicht gefällt. An uns ist es dann, unsere Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen.“ Und ein anderes Mal: „Wenn ich meiner Neigung folgen könnte, würde ich mich ganz einem eingezogenen Leben widmen. Das Unglück ist, daß man in eine Art Tretmühle eingespannt ist, aus der man sich nicht befreien kann ...“

Wieder war Weihnachten. Acht Jahre waren inzwischen vergangen. Da schrieb er: „Ich bin dieses Leben müde, der ewige Jude ist es weniger gewesen als ich ...“ Aber noch 38 Jahre blieb er in seiner „Tretmühle“...

Wer war es?