Ich hätte nicht schreiben sollen: wenn die Welt verständlich wäre, gäbe es die Kunst nicht – sondern: wenn die Welt mir sinnvoll vorkäme, schriebe ich nicht.

Albert Camus

Der Dolchstoß

Ein höchst seltsames Münchener Gerichtsurteil brachte dem Redakteur Siegfried Dinser einen Monat Gefängnis (mit Bewährung) ein. In seiner – inzwischen eingegangenen – Jugendzeitschrift Lupo modern hatte er im März dieses Jahres einen Artikel unter dem Titel „Gammeln ist gesund“ gedruckt, der Meinungen kundtat wie „an Dreck ist noch keiner gestorben“ oder „wer richtig gammelt, hat mehr vom Leben“. Ein westfälischer Bürger nahm Anstoß und erstattete Anzeige, und der Staatsanwalt argumentierte: „Gammeln ist wegen der häufig damit verbundenen erheblichen Milieuschäden ein unerwünschtes Verhalten, es in einer Jugendzeitschrift zu empfehlen, ist schwer jugendgefährdend.“ Eine Meinung, über die sich reden ließe – nur nicht vor Gericht, denn Gammeln, Faulenzen, das Tragen schäbiger Kleidung oder langer Haare ist glücklicherweise in der Bundesrepublik noch nicht verboten, und auch „Jugendgefährdung“ ist kein Straftatbestand; jugendgefährdende Schriften können nur durch die Bundesprüfstelle indiziert und damit aus dem öffentlichen Verkauf genommen werden. Wie aber kann die Aufforderung zu einer Handlung strafbar sein, wenn diese straffrei ist? Oder wäre Gammelei identisch mit Landstreicherei, strafbar nach § 361 StGB? Nach bisher gültiger Rechtsauffassung nicht – ein Landstreicher ist nicht, „wer eine Großstadt mit häufigem Wechsel des Nachtquartiers durchstreift“. Den Amtsgerichtsrat fochten solche Bedenken nicht an: „Man muß sich zwar mit dem Gammeln als einer Zeiterscheinung auseinandersetzen, aber nicht in Form eines empfehlenden Artikels.“ Und zur Untermauerung seines Urteils erfand er einen Tatbestand, vor dem man uns bewahren möge, solange die NPD noch nicht das Sagen hat – den „Dolchstoß in den Rücken verantwortungsvoller Eltern“.

Disc-Jockeys Comeback

Die einen werden sagen: endlich wieder, andere werden tief ausatmen und sich dreinschicken: Die Disc-Jockeys bekommen wieder zu tun. Aus bundesdeutschen Lautsprechern klingt wieder Schallplattenmusik, bis zu fünfunddreißig Stunden lang pro Woche und je Programm, so erlaubt es der neue, jetzt zwischen der „Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten“ (GVL) und der „Arbeitsgemeinschaft der öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands“ (ARD) geschlossene Vertrag. 5,4 Millionen darf die ARD dafür zahlen, daß sie Freddy und die Beatles wieder singen und Karl Böhm oder George Szell wieder dirigieren lassen darf; 25 Millionen wollte die GVL zunächst haben. Dafür, daß die Leistungsschutzrechtler mit dem Preis heruntergingen, mußten die Rundfunkleute von ihren früheren 60 Wochenstunden ablassen. Die neue Fündunddreißig-Stunden-Woche wird dafür sorgen, daß die in der vertragslosen, der schrecklichen Zeit angekurbelten Rationalisierungsmaßnahmen – der Austausch eigener Bänder und die Wiederholung aufpolierter Evergreens – nicht ganz für die Katz waren. Oder war die vertragslose Zeit etwa gar nicht so schrecklich?

Wunderlich