In mancher Hinsicht mutet die Weltpolitik des Jahres 1966 wie eine Reprise von 1963 an. Beide Jahre boten Variationen zum Thema "Entspannung".

Der Beginn war jedesmal frostig – damals steckte der Schrecken von Kuba den Politikern noch in den Knochen, in diesem Jahr legte der Krieg in Vietnam zunächst seinen eisigen Schatten auf die Beziehungen der beiden Supermächte. Doch dann mehrten sich die Anzeichen des Tauwetters. Kennedys große "Friedensstrategie"-Rede vom 10. Juni fand in Johnsons nicht minder bedeutsamer Ansprache vom 7. Oktober 1966 ein spätes Pendant: "Unsere Aufgabe ist es, eine Aussöhnung mit dem Osten zu erreichen – einen Übergang vom engen Konzept der friedlichen Koexistenz zur weiter gespannten Vision einer friedlichen Verflechtung."

Und 1966 wie schon 1963 machte es Mao Tse-tungs Intransigenz den Kremlherren möglich, auf die Avancen der Amerikaner einzugehen. Als Chruschtschow einsah, daß der Bruch mit China unabwendbar war, gab er seine Zustimmung zum Atomversuchsvertrag; als seine Nachfolger – nach zwei Jahren des Lavierens – zur selben Einsicht kamen, setzten sie mit ihrem Ja zum Weltraumsperrvertrag ein analoges Zeichen der Entspannung. Das Luftfahrtabkommen vom 4. Oktober und die Freigabe von rund 400 Gütern, die bisher auf der amerikanischen Embargoliste standen, für den Ost-West-Handel, gehören gleichfalls zu dieser "Politik der Zeichengebung". Ihr nächster Markstein könnte im Jahre 1967 ein Atomsperrvertrag werden.

Das Klima zwischen Washington und Moskau erwärmt sich – und dies trotz Vietnam. Das ist eine der Hauptentwicklungen des Jahres 1966: Der Frieden ist teilbar geworden. Die Supermächte, was immer ihre Propagandisten sagen, halten Asien und Europa auseinander; sie lassen die Aufregungen des einen Kontinents nicht überspringen auf den anderen.

In zweierlei Betracht unterscheidet sich 1966 jedoch von 1963: Frankreich macht diesmal bei der Entspannungspolitik mit, und auch die Bundesrepublik Deutschland läßt sich nun notgedrungen darauf ein. Sie hat keine andere Wahl mehr, seitdem die NATO sich im Dezember offiziell auf eine Politik der Annäherung an den Osten festlegte.

Das Frankreich des Generals de Gaulle, das jegliche Annäherung von Ost und West 1963 noch zu blockieren suchte, betreibt Entspannungspolitik nun auf eigene Faust und Rechnung, aber mit zielsicherer Energie. Gekrönt wurden die bisherigen Anstrengungen von den Besuchen de Gaulles in Moskau und Kossygins in Paris. Détente – entente – Cooperation ist die Losung des Generals. Die deutsche Wiedervereinigung werde erst am Ende der europäischen Entspannung stehen, verkündeten seine Sprecher im Laufe des Jahres! immer wieder. Johnson sagte es im Oktober ebenso deutlich: "In einem wiederhergestellten Europa kann und wird Deutschland vereinigt sein ... Es kann nur durch eine wachsende Wiederaussöhnung erreicht werden. Einen schnellen und kurzen Weg gibt es nicht."

Die neue Bonner Equipe Kiesinger/Brandt hatte angesichts dieses amerikanisch-französischen Gleichklangs keine Wahl mehr. In ihren Bekundungen schwenkte sie auf die neue Linie ein. Im Unterschied zu früheren Bonner Regierungen deutete sie sogar ihre Bereitschaft an, Ostberlin in den Entspannungsbereich einzubeziehen. Die alte Sprachregelung (SBZ – Sowjetisch Besetzte Zone verschwand aus dem offiziellen Vokabular; seit neuestem heißt es "Ostdeutschland" oder gar DDR ohne Anführungszeichen und ohne "sogenannt".