Von einem geschichtlichen Dokument verlangt der Historiker im allgemeinen eine bestimmte Art von Objektivität. Das Plakat scheint in seinem rein werbenden, propagandistischen Charakter dieser Form nur wenig zu entsprechen, und doch liefert es gerade in dieser Nichtobjektivität ein einzigartiges Zeugnis für das Klima einer Epoche, für die Atmosphäre, der es seine Entstehung verdankt, für eben jene Tendenzen, die im Grunde hinter der Parole versteckt werden sollen. In seiner Direktheit, in seiner unmittelbaren Aufforderung an den anderen gibt das Plakat den Geschmack und Geruch seiner Zeit frei wie kaum ein anderes Objekt.

Leider sind die Sammlungen und Dokumentationen auf diesem Gebiet bisher nur sehr sporadisch und unsystematisch. Um so erfreulicher ist es, wenn jetzt eine Auswahl vorliegt, nämlich

„Plakate der russischen Revolution – 1929“, Einführung von Giuseppe Garritano; gerhardt verlag, Berlin; 40 meist farbige Blätter, 110,– DM.

Sie gibt anschaulich Auskunft wie sonst nur Tagebücher oder die frühen revolutionären Filme. Reproduziert wurden (in Zusammenarbeit mit Caio Garrubba, Rom, der die Farbphotographien der Originale herstellte) vierzig Beispiele aus der reichhaltigen Sammlung der Lenin-Bibliothek in Moskau, zum größten Teil in ihrem ursprünglichen Format (50×70 cm), nur ein Viertel wurde verkleinert; benutzt wurden sieben verschiedene Papiere, um dem Original möglichst nahe zu kommen; gedruckt wurde zum Teil mit sechs oder sieben Farben; ausgewählt wurde nach drei Aspekten: der Bedeutung und dem Namen der Künstler, der graphischen Besonderheit und vor allem der Vielfalt der für jene Jahre repräsentativen Themen. Eine Dokumentation über die einzelnen Blätter ist der Mappe angefügt.

Das Jahr 1929 beschließt nicht ohne Grund die Auswahl. Die Figuren – so heißt es – zeigen von da an einen saturierten Ausdruck: Ein Jahr vor Majakowskijs Tod scheint der Staat etabliert, die revolutionäre Perspektive überflüssig. Majakowskij selbst zeichnete und schrieb für die Plakate der Revolution. Gerade dieses Medium mußte seiner Theorie von der „Essenz der Fakten“ und vom „sparsamen Wort“ entgegenkommen. Er arbeitete für die „satirischen Fenster“ der ROSTA, der russischen Nachrichtenagentur (der heutigen TASS), die öffentlich aushingen und Tagesereignisse kommentierten. Ein charakteristisches Beispiel ist in der Mappe enthalten.

Die Herkunft des russischen revolutionären Plakats ist nicht eindeutig, denn gerade diese Art der Propaganda war selbstverständlich bis zum Beginn der Revolution verboten, und auch Giuseppe Garritano, der die Einleitung schrieb, kann nur die verschiedenen Theorien referieren.

Eines aber wird unmittelbar aus der Auswahl sichtbar, daß nämlich diese neue Art der Kunst, die sich unmittelbar an das Volk richtete, die vor allem nicht Kunst sein wollte im Sinne eines „interesselosen Wohlgefallens an einem Gegenstande“, sondern die überzeugen sollte von den Notwendigkeiten des Tags, alles aufnahm, über was das eigene Land und Europa sonst an Stilelementen verfügte. Die Ausdrucksmöglichkeiten reichen vom Jugendstil (in Iwanoffs Plakat zum 1. Mai) bis zu einem aus suprematistischen Elementen konstruierten Beispiel (von Lissitzkij) und zu einem anderen, das in der Art der früheren russischen Volksbilder die Entwicklung der Oktoberrevolution darstellt. Nicht die im Proletkult propagierte tabula rasa gegenüber dem Herkömmlichen dokumentiert sich in diesen Plakaten, sondern der revolutionäre Praktizismus, den Majakowskij für eine Notwendigkeit hielt.