Die Amerikaner haben aus dem Bombenkrieg gegen Deutschland und Japan wenig gelernt. Noch immer glauben sie, mit Bombardements könne der Widerstandswille der Bevölkerung gebrochen werden. In Vietnam hat diese Doktrin zum gefährlichsten, nutzlosesten und unmenschlichsten Aspekt der Eskalation geführt.

Gefährlich ist der Bombenkrieg nördlich des 17. Breitengrads, weil er das Risiko eines Zusammenstoßes mit den Chinesen birgt; nutzlos ist er, weil er sein Ziel – die Verminderung des Nachschubs und der Truppenverstärkung aus Nordvietnam – nicht erreicht, sondern im Gegenteil die Infiltration weiter angekurbelt hat; unmenschlich ist er, weil die Opfer unter der vietnamesischen Zivilbevölkerung in keinem vertretbaren Verhältnis mehr zu dem militärischen Ergebnis der Angriffe stehen.

Die Glaubwürdigkeit Lyndon B. Johnsons ist dabei stark angeschlagen worden. Der Präsident versichert zwar, daß ausschließlich Stahl und Beton die Bombenziele der Amerikaner seien, nicht Menschen und Zivilisten; jede Meldung über Zerstörungen in Wohnvierteln wird von den Sprechern des Pentagons und des Weißen Hauses abgestritten oder bagatellisiert. Aber jetzt hat zum erstenmal ein Augenzeuge Bericht erstattet, dessen journalistischen Leumund auch das offizielle Washington respektieren muß: Harrison E. Salisbury von der New York Times, der Weihnachten in Hanoi verbrachte.

An Salisburys Darstellung ist nicht zu rütteln und nicht zu deuteln. Was er aus der Stadt Namdinh berichtet, straft das Pentagon und seine Kriegsberichte Lügen – auch die einfältighilflose Ausrede: Wo gehobelt wird, fallen eben Späne. Anscheinend werden planmäßig auch nichtmilitärische Ziele bombardiert. Salisburys Schlußfolgerung: „Was immer die Erklärung sein mag, es ist offenkundig, daß die Flugzeuge der Vereinigten Staaten enorme Massen von Sprengkörpern auf zivile Ziele abwerfen.“

Was immer die Erklärung sein mag – sie kann auch jene nicht befriedigen oder überzeugen, die Washingtons Eindämmungs-Politik in Vietnam prinzipiell für richtig halten. Hier droht die Praxis das Prinzip zu pervertieren. Amerikas guter Ruf gehört mit auf die Liste der Opfer. Th. S.