Für Ludwig Erhard fing das Jahr schlecht an. Die Propheten einer größeren Koalition meldeten sich zu Wort. Der Bundespräsident machte deutlich, daß er „ein Kabinett auf möglichst breiter Basis für wünschbar“ halte. Und Altkanzler Adenauer plädierte für eine „Große Koalition auf Zeit“ mit den Sozialdemokraten. Auf die Frage, wann diese Koalition gebildet werden sollte, meinte er – und erwies sich dabei als guter Prophet: „Wer weiß... vielleicht, wenn man zur Beratung der Finanzfragen kommt.“ Ludwig Erhard wehrte sich: „Ich kann nicht zulassen, daß in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, als sei diese Koalition bereits zusammengebrochen.“

Der Weg zum Ende der Regierung Erhard war mit solcherlei Erklärungen gepflastert; aber diese Regierung zu retten, war schließlich nicht einmal mehr des Kanzlers eigene Partei willens und fähig. In der Außenpolitik schwankend, in der Innenpolitik glücklos, von einer zunehmenden wirtschaftlichen Rezession und einem wachsenden Haushaltsdefizit bedroht, brachte Ludwig Erhard seine Regierungszeit zu einem ruhmlosen Abschluß.

Nach der Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen begannen auch die Freien Demokraten, bis dahin treue Schildhalter des Kanzlers, sich von Ludwig Erhard zurückzuziehen. Über die Frage der Staatsfinanzierung kam es zum Bruch. Erhard stand allein und mußte es hinnehmen, daß die Union über seinen Kopf hinweg seinen Nachfolger bestimmte: Kurt Georg Kiesinger.

Auch Kiesinger konnte die alte Koalition nicht mehr retten. Zum erstenmal in der Geschichte der Bundesrepublik mußte die Union die Macht mit den Sozialdemokraten teilen. Grollend zog sich Erhard zurück: „Der Einzug der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands in die Landtage von Hessen und Bayern, das Aufkommen neuer nationalistischer Töne in Deutschland sind ein Symptom dafür, wie weit bereits Unzufriedenheit und Staatsverdrossenheit erfolgreich geschürt werden.“

Die Große Koalition soll nach dem Willen ihres Schöpfers die Handlungsfähigkeit und Autorität der Regierung wiederherstellen. Sie soll für Stabilität sorgen – Stabilität um welchen Preis?