Von Kurt Becker

Drei Jahre hat es gedauert, bis das westliche Bündnis in seiner Gesamtheit auf die Entspannungspolitik gegenüber dem Osten eingeschwenkt ist

– sechs Jahre, bis die NATO endlich eine Organisation zur gemeinsamen Einsatzplanung von Kernwaffen ins Leben rief

– sieben Jahre, bis Charles de Gaulle seinen Auszug aus der Militärorganisation der westlichen Allianz mit einer dramatischen Entscheidung vollendete.

Alle drei Entwicklungen trieben im Jahre 1966 ihrem Höhepunkt zu und türmten ein Gebirge ungelöster Probleme auf. Noch manche Krise wird uns daran erinnern; denn die Erfahrungen gerade auch dieses Jahres bestätigen wieder, daß die großen Wandlungen in der NATO sich über viel längere Zeiträume hinschleppen, als Staatsmänner und Analytiker des Geschehens vorauszusagen wagen.

Ohne historisches Beispiel ist der Versuch, ein Verteidigungsbündnis umzuformen in ein Instrument der Entspannungspolitik gegenüber, derjenigen Macht, nämlich der Sowjetunion, deretwegen die Allianz gegründet worden ist. Alle Verbündeten wollen nun endgültig die Gräben des Kalten Krieges verlassen. Doch die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen erst, wenn auch die verteidigungspolitischen Folgerungen gezogen und entschieden werden muß, ob die vorerst einseitig geplante militärische Ausdünnung von sowjetischen Gegenleistungen abhängig gemacht werden soll.

Die früher gültige These, nach der die Wahrung des strategischen Gleichgewichts in Europa die Voraussetzung für die militärischen Entspannungsmaßnahmen darstellt, wird in dieser Form nicht mehr voll aufrechterhalten. Eine programmatische Rede des amerikanischen Verteidigungsministers McNamara im Mai ließ vielmehr den Schluß zu, daß die westliche Sicherheitspolitik künftig von zwei neuen Überlegungen beherrscht werden wird. McNamara wandte sich dagegen, daß die Sicherheit als ein ausschließlich militärisches Problem und das militärische Problem wiederum ausschließlich als ein Problem der Waffensysteme betrachtet wird. Angesichts der ungeheuren technischen Fortschritte war McNamara überzeugt, daß sich im kommenden Jahrzehnt das ganze System der Vorwärtsbereitstellung von Streitkräften ändern und Amerika nicht mehr auf Stationierungsrechte im Ausland angewiesen sein wird.