Zwölf Jahre vor dem Ersten Weltkrieg veröffentliche die Zeitschrift „Lectures pour tous“ in Paris den Aufsatz „Une école enfantine des vertus militaires“. Der anonyme Verfasser preist darin das „nützliche Spiel mit Bleisoldaten“, in denen er „die Instrukteure des zukünftigen Krieges“ sieht. Er nennt sie überdies die „bescheidenen, aber wertvollen Hilfsmittel einer wahrhaft französischen Erziehung“, attestiert den bleiernen Armeen, sie hielten den militärischen Geist wach, und schließt: „Mögen unsere Kinder fortfahren, mit Bleisoldaten zu spielen! Aber daß ein kluger und hingebungsvoller Kenner sie dabei berate und leite. Das Spiel wird sie immer mehr mit Leidenschaft erfüllen und bei ihnen allmählich Vorstellungen von hohem moralischem Wert auslösen. Es ist nie zu früh, im Kind den Gedanken der Pflicht gegen die Fahne geboren werden zu lassen, das Bewußtsein der engen Bande, die uns mit denjenigen einen, die gekämpft haben und gestorben sind für Frankreich!“

Seither sind 64 Jahre vergangen, unter dem Weihnachtsbaum hat das Kind nicht mehr das Entzücken des Fritz Stahlbaum aus E. T. A. Hoffmanns „Nußknacker und Mausekönig“: „Fritz musterte die neue Schwadron Husaren, die sehr prächtig in Rot und Gold gekleidet waren, lauter silberne Waffen trugen und auf solchen weißglänzenden Pferden ritten, daß man beinahe hätte glauben sollen, auch diese seien von purem Silber.“ Die Husaren verschwanden zugunsten der neuesten Eisenbahnmodelle, vollmechanisierter Autobahnen und Raketen.

Das Kinderzimmer kennt den Zinnsoldaten nicht mehr; er ist zum Hobby der Erwachsenen geworden, indes: ein Vorurteil blieb haften. Wer heute Zinnfiguren sammelt, eine zinnerne Armee sein eigen nennt, kommt leicht in den Geruch, ein verkappter Militarist zu sein. Das ist selbstverständlich Unsinn.

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Man schätzt, daß etwa fünfzehntausend Menschen in Europa heute Zinnfiguren sammeln. Es gibt insgesamt vierzehn Sammlerverbände; in der Bundesrepublik nennt sich diese Organisation „Klio – Deutsche Gesellschaft der Freunde und Sammler kulturhistorischer Figuren“. Sie ist unterteilt in „Landesgruppen“ (nach den Bundesländern), hat eine eigene Zeitschrift (die seit 1951 monatlich erscheinende „Zinnfigur“) und veranstaltet alle zwei Jahre eine viertägige „Bundestagung“ in Kulmbach, in dessen Nähe Deutschlands Zinnfigurenmuseum beheimatet ist: auf der Plassenburg.

Die ersten deutschen Zeitschriften für die Sammler erschienen 1924: „Der standhafte Zinnsoldat“ und „Blätter für Zinnfigurensammler“; in jenem Jahr wurde auch ein Buch mit dem Titel „Der Zinnsoldat, ein deutsches Spielzeug“ veröffentlicht. Verfasser: der 1933 verstorbene Direktor des Germanischen Museums in Nürnberg, Theodor Hampe. Seine Bibliographie nennt 65 Publikationen zum Thema. John G. Garratt, der 1959 den Band „Model Soldiers – A Collector’s Guide“ herausbrachte, verzeichnet bereits 248 Veröffentlichungen. Man kann daraus den Schluß ziehen: Je mehr die Zinnfigur vom Kinderspielzeug zum Sammelobjekt wurde, desto stärker entwickelte sich die theoretische Erörterung.

Seit wann sammelt man Zinnfiguren? Die Antwort ist nicht mit einer Jahreszahl zu geben, wohl aber mit der schlichten Feststellung: seit Zinnfiguren nicht mehr Spielzeug sind. Als Spielzeug gibt’s den Zinnsoldaten seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, populär wurde er durch die Kriege Friedrichs des Großen, die dem Spielzeughandel die Massenheere bescherten. Seither wuchs der Ruhm dieses „deutschen Gegenstands“, der in der Tat deutschen Ursprungs ist (er entstammt der Spielzeugstadt Nürnberg). Er wurde von allen europäischen Ländern nachgeahmt und erlebte eine Hochkonjunktur am Ende der napoleonischen Kriege, deren Schlachten in den Kinderstuben noch einmal geschlagen wurden.