Von Carl Weiss

Hongkong, im Dezember

Parteifeindliche Gruppen, bürgerliche Elemente und revisionistische Verräter haben sich in die Führung Chinas eingeschlichen – so lautet der Warn- und Schlachtruf der Roten Garden Lin Piaos. Ist dies eine taktische Scheinanklage, oder sind solche Vorwürfe – vom Standpunkt der Herrschenden – wirklich begründet? Gab es tatsächlich Opposition, und wenn ja, wie hat sie, wie konnte sie sich äußern im derzeit totalitärsten aller totalitären Staaten der Welt? Ein Einzelbeispiel, wie sich solche Kritik artikulierte.

Im Frühling des Jahres 1966 wurde die chinesische Öffentlichkeit durch die Enthüllung aufgeschreckt, Teile des zentralen Informationsapparates und der Pekinger Stadtverwaltung seien von Parteifeinden unterwandert worden. Die Zeitung der Befreiungsarmee bezeichnete am 8. Mai 1966 als Hauptschuldige drei bis dahin hochgeachtete Schriftsteller, die seit Ende der fünfziger Jahre unter dem Kollektiv-Pseudonym „Notizen aus dem Drei-Familien-Dorf“ offenbar ungeschoren „Giftpfeile und ungeheuerliche Angriffe gegen unsere geliebte Partei“ gerichtet hatten. Ihre Namen: Wu Han, Liao Mo-scha und Teng To. Der prominenteste unter den dreien ist Wu Han. Seine Biographie benötigte im letzten „Who’s Who in China“ allein dreieinhalb Spalten für die Aufzählung aller innegehabten Partei- und Ehrenämter. Das aktivste Mitglied des Triumvirats ist indes der Journalist Teng To.

Teng To, seit dreißig Jahren Redakteur und Chefredakteur führender Parteizeitungen, zeitweilig Vorsitzender des Journalisten-Verbandes, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Sekretär des Pekinger Stadt-Komitees der KPC, Abgeordneter des nationalen Volkskongresses, verfaßte eine Reihe politischer Feuilletons, die er „Abendplaudereien in Yenshan“ nannte. Sie erschienen bis 1962 im Pekinger Tageblatt (Beijing Ribao), in den Pekinger Abendnachrichten (Beijing Wanbao) und in dem literarischen Magazin Front (Quianxian). Unter jenem Titel wurden sie dann auch gesammelt veröffentlicht, und man muß annehmen, daß sie weite Verbreitung gefunden haben. Hier ein erstes Zitat, übersetzt vom offiziellen Pekinger Fremdsprachen-Institut.

Das große leere Geschwätz (Quian-xian vom 21. 11. 1961): Freunde, willkommen zur Abendplauderei in Yenshan! Ich muß Euch sagen, manche Leute sind begabte Schwätzer. Sie können endlos reden, zu jeder Gelegenheit, und es fließt ihnen aus dem Munde wie Wasser, wenn ein Damm gebrochen ist. Aber wenn Ihr versucht, zu behalten, was sie geredet haben, dann bleibt Euch nichts. Langes Reden ohne irgendwas zu sagen, Erklärungen zu geben, die nichts erklären, das nenne ich das große leere Geschwätz. Großes leeres Geschwätz, das will ich nicht leugnen, ist zu gewissen Anlässen unvermeidlich. Aber wäre es nicht schlimm, wenn es zur vorherrschenden Mode würde? Wäre es nicht verheerend, wenn unsere Kinder alle zu Experten in großem leeren Geschwätz degenerierten?

Mein Nachbar, zum Beispiel, hat ein Söhnchen, das den Stil gewisser großer Poeten meisterlich nachahmen kann. Neulich schrieb es ein Gedicht, betitelt: Ode an das wilde Gras. Es lautet: