Die kommunistische Partei brauche Intellektuelle – nicht etwa, damit diese sich für die Klugheit der Parteibeschlüsse begeisterten, sondern damit jene Beschlüsse klug würden. So schrieb 1956 der heute 39jährige Philosoph Leszek Kolakowski. Bei dieser Meinung ist er zehn Jahre lang geblieben – auch dann noch, als ihn die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei im November aus ihren Reihen verstieß. Ursache des Ausschlusses war ein Vortrag Kolakowskis zum zehnten Jubiläum des polnischen "Oktober". Darin war Kolakowskis Bilanz so kritisch ausgefallen, daß die anschließende Diskussion in der Forderung gipfelte, die Führung des Landes möge ihren Rücktritt erklären. Vor solcher Konsequenz war Kolakowski selbst etwas erschrocken.

Kolakowski hat gegen den Parteiausschluß bei deren höchster Appellationsinstanz Einspruch erhoben, unterstützt von 21 namhaften Schriftstellern und 14 Professoren-Kollegen, die zugleich der Möglichkeit vorbeugen wollen, daß Kolakowski seinen Lehrstuhl an der Warschauer Universität verliert. Aber daran ist gar nicht gedacht; Zenon Kliszko, der im Politbüro der Partei für Kulturfragen zuständig ist, hat fest zugesagt. Und von den Disziplinarverfahren gegen Studenten, die sich in der Kolakowski-Diskussion hervorgetan hatten, wurde ausgerechnet jenes wieder eingestellt, das dem jungen Mann galt, der die extremste Konsequenz gezogen und der Parteiführung die Abdankung empfohlen hatte. Er ist der Sohn des Vizevorsitzenden der linkskatholischen "Pax"-Organisation, die nach außen hin kritiklos jedem Parteibeschluß zu applaudieren pflegt.

Unbehaglich wird es den polnischen Kommunisten nicht nur beim Blick auf die junge Generation an den Universitäten. Junge Intellektuelle wachsen auch in der katholischen Kirche Polens heran: rund viertausend Theologie-Studenten in 48 Priester-Seminaren, von denen die Hälfte Ordenspriester heranbilden. Vier dieser Seminare bedroht die Regierung seit Dezember mit Schließung, von zwei weiteren fordert sie die Entfernung der Rektoren. Es geht um die Durchsetzung der staatlichen Schulaufsicht in nichttheologischen Fächern, die – ursprünglich von der Kirche zugestanden – seit zwei Jahren grundsätzlich abgelehnt wird. Zuletzt in einem Brief von Bischof Choromanski, dem Sekretär des Episkopats, unter Berufung auf die verfassungsmäßige Trennung von Kirche und Staat. Nun hatte freilich Kardinal Wyszynski eben diese Trennung immer wieder kritisiert, am 20. September sogar als "absurd" bezeichnet; am 10. Oktober hatte er von "kulturlosen Barbaren" gesprochen, in deren "Seelen sich das Bild Gottes nicht wiederspiegelt, mögen sie auch Professoren, Doktoren, Schriftsteller, Minister, Ministerpräsidenten sein und was sonst noch".

Obschon der Kardinal seine polemischen Predigten fortsetzte, war der unfruchtbare Milleniumsstreit zwischen Kirche und Staat in Polen während der letzten Monate doch merklich abgeebbt. Vor allem, weil die Regierung darauf verzichtete, dem Kardinal zu antworten, aber auch, weil der Kardinal sich zu kleinen Gesten entschloß, in denen Klugheit vor Konsequenz rangierte. Am 4. Oktober beehrte er überraschend die Eröffnungsfeier der (staatlich finanzierten und kontrollierten) Katholisch-Theologischen Akademie in Bielany mit einer Rede, in der er eine zu starke "West-Orientierung" der polnischen Theologen beklagte. Am 23. Oktober erschien er zur Immatrikulationsfeier der (von der Kirche allein finanzierten, aber staatlich beaufsichtigten) Katholischen Universität in Lublin, an der gegenwärtig 1516 Studenten eingeschrieben sind. Als "Hoffnung auf eine bessere Zukunft" lobte Wyszynski in seiner Rede Baugenehmigungen und Steuererleichterungen, die das Hochschulministerium dem Rektor dieser kirchlichen Universität in Aussicht gestellt hatte. Also Zeichen einer zaghaften Wiederannäherung?

Der neue Streit wegen der Priester-Seminare, der kurz nach dem Warschau-Besuch eines vatikanischen Unterhändlers ausbrach, läßt daran zweifeln. Er verschiebt den Konflikt nach einem Jahr dramatischer Grundsatzkontroversen wieder auf die alte Ebene des administrativen Tauziehens. Aber ein "modus vivendi" zwischen den zerstrittenen Mächten nach Art der Gomulka-Wyszynski-Vereinbarung von 1956 kann heute nicht mehr genügen. Zu der Tendenz der Regierung, auf lange Sicht zu einer Vereinbarung mit dem Vatikan zu gelangen, hat sich in seinem Kommuniqué vom 13. Dezember auch der Episkopat bekannt – freilich will er sich dabei nicht übergehen lassen.

Die Regierung hat in einem "Tribuna-Ludu"-Artikel am 27. Dezember versichert, daß es ihr im Streit um die Seminare nicht um eine Kontrolle der theologischen Fächer oder um einen Eingriff in die kirchenrechtlichen Kompetenzen des Vatikans gehe. Sie wolle nur eine "staatsfeindliche Atmosphäre" bei der Priester-Ausbildung in weltlichen Fächern verhindern. Die Tür zu Verhandlungen bleibt offen.

Freilich, der unbequeme Kardinal kann, wenn er will, jede Vereinbarung blockieren; der verbitterte Parteichef kann, wenn er will, der Kirche das Leben sauer machen und abwarten. Aber beide werden sich eines besseren besinnen müssen, wenn sie den inneren Frieden Polens und ihr eigenes Prestige nicht schwer gefährden wollen. Bloße Konsequenz, zu der in Polen ohnehin niemand fanatisch neigt, führt nicht weiter. Denn, wie Kolakowski einmal geschrieben hat: "Die Inkonsequenz ist einfach eine im Bewußtsein verbliebene Reserve von Unsicherheit, das dauernde Gefühl, daß man vielleicht einen Fehler begangen oder der Gegner recht haben könnte..."

Hansjakob Stehle