Von Boris Meissner

Merle Fainsod: Wie Rußland regiert wird. Ergänzt und auf den neuesten Stand gebracht von Georg Brunner. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karl Römer. Kiepenheuer & Witsch, Köln–Berlin. 747 S., DM 58,–.

Drei Männer haben die bisherige Entwicklung Sowjetrußlands, die bald ein halbes Jahrhundert umfassen wird, entscheidend bestimmt: Lenin, Stalin, Chruschtschow. Unter ihrer Herrschaft haben sich gewaltige Veränderungen in einem Lande vollzogen, das ein Sechstel der Erdoberfläche ausmacht. In diesen Veränderungen kommt der Strukturwandel zum Ausdruck, der in Rußland durch zwei Revolutionen verursacht worden ist. Die eine bildete die große russische Revolution, die in ihrer dritten Phase in die Oktoberrevolution einmünden sollte. Diese war in erster Linie ein Werk Lenins. Von ihm, der nur verhältnismäßig kurze Zeit regiert hat, sind die geistigen und realen Grundlagen der sowjetischen Staats- und Gesellschaftsordnung gelegt worden. Mit dem Sowjetstaat, für den die Alleinherrschaft der bolschewistischen Partei charakteristisch ist, hat der erste Einparteistaat die weltgeschichtliche Bühne betreten. Viele andere sind inzwischen diesem Vorbild gefolgt.

Noch tiefgehender sollte sich der Umbruch erweisen, der durch Stalins „Revolution von oben“ bewirkt wurde. Durch sie ist eine ökonomische Entwicklung revolutionär nachvollzogen worden, die nach der ursprünglichen marxistischen Konzeption aus dem Kapitalismus hervorgehen sollte. Zugleich nahm die bolschewistische Einparteiherrschaft immer mehr totalitäre Züge an. Nach dem Tode Stalins, der dreißig Jahre die Sowjetunion beherrscht hat, ist die totalitäre Herrschaft stärker rationalisiert und den Gegebenheiten einer komplizierter und reifer gewordenen Industriegesellschaft angepaßt worden.

Diese Entwicklung ist von Merle Fainsod, dem langjährigen Direktor des bekannten Russian Research Center der Harvard University in umfassender und anschaulicher Form geschildert worden.

Das autokratisch-totalitäre Herrschaftssystem, das unter Stalin seine endgültige Gestalt annehmen sollte, wobei viele Traditionen des zaristischen Rußland neu belebt wurden, steht im Mittelpunkt seines Buches. Die unbeschränkte Selbstherrschaft Stalins beruhte auf dem Gleichgewicht von mehreren Herrschaftsinstitutionen: dem Parteiapparat, dem Staatsapparat (einschließlich der Wirtschaftsverwaltung), der Staatspolizei und der Wehrmacht. Chruschtschow hat den unbedingten Vorrang des Parteiapparats wiederhergestellt und zugleich flexiblere Herrschaftsmethoden eingeführt. An der eigentlichen Konstruktion des Herrschaftssystems hat sich nach der Aufhebung seiner Parteireform Wesentliches nicht geändert.

Der Hauptteil der vorliegenden Untersuchung ist dem Aufbau und der Arbeitsweise der Partei gewidmet. Im Anschluß daran werden die anderen Herrschaftsinstitutionen behandelt. Die Schaffung eines schlagkräftigen Parteiapparats bezeichnet Fainsod als „eine der eindrucksvollsten und schrecklichsten organisatorischen Leistungen des modernen Totalitarismus“.