Von J. Davenport

Die Vereinten Nationen wollen mit wirtschaftlichen Sanktionen Rhodesien solange von dem für die abtrünnige englische Kolonie lebenswichtigen Handel mit der übrigen Welt ausschließen, bis die weiße Minderheit auch der schwarzen Bevölkerung die vollen Bürgerrechte gewährt. Mindestens ein Land wird sich an dem Boykott nicht beteiligen, Rhodesiens südlicher Nachbar, die Republik Südafrika. Da dieses Land zugleich über das größte wirtschaftliche Potential auf dem afrikanischen Kontinent verfügt, ist der Erfolg des Boykotts in Frage gestellt. Wie groß ist die wirtschaftliche Kraft Südafrikas?

Betritt man das Hauptquartier der Ford Motor Corporation of South Africa in Port Elizabeth, so sieht man sich sich einer bekannten Gestalt gegenüber, grau und hager. Das lebensgroße Porträt des alten Henry Ford ist in diesem Fall mehr als eines der üblichen Dekorationsstücke des Unternehmens. Es erinnert daran, daß dieser Mann eine besondere Rolle in der Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung Südafrikas spielte. Schon 1905 führte Ford Verhandlungen über den Vertrieb seiner neumodischen Automobile (von denen zu dieser Zeit erst einige Tausend auf den Straßen der USA fuhren) in jenem weit entfernten Land, das sich gerade von den Verwüstungen des Burenkrieges erholte. Was Ford damals zu diesem Schritt veranlaßt hat, weiß niemand. So wie die Dinge sich entwickelten, erwies sich seine Entscheidung jedenfalls als sehr weitsichtig.

Heute produzieren Ford, General Motors und Chrysler zusammen etwa 60 Prozent aller Wagen, die in der Republik Südafrika verkauft werden – und die Hälfte aller Autos auf dem gesamten afrikanischen Kontinent sind in diesem Land registriert. In jeder Hinsicht ist die Wirtschaft Südafrikas die am schnellsten wachsende, dynamischste und ausgereifteste ganz Afrikas. Andere Teile des sogenannten schwarzen Erdteils haben ihre besonderen Wunder und Errungenschaften vorzuzeigen – Landschaften von atemberaubender Schönheit, Wildreservate, die in jedem Jahr mehr und mehr europäische und amerikanische Touristen anziehen, Dämme und Bewässerungsprojekte, die eines Tages den Bewohnern ein besseres Leben ermöglichen sollen. Südafrika besitzt das alles auch und noch einiges mehr. Nach einem halben Jahrhundert einer bewegten Entwicklung ist es zu einer reifen Industrienation geworden, mit Wirtschaftszweigen wie Kohle, Stahl, Chemie und verarbeitender Industrie, die sich gegenseitig befruchten. Johannesburg, die Stadt, die auf den Abraumhalden der Goldminen gebaut wurde, ist noch nicht die Ruhr, aber – wie es ein Amerikaner kürzlich ausdrückte – der einzige Industriekomplex südlich von Mailand, der diesen Namen wirklich verdient.

Hier muß allerdings mit anderen Maßstäben gemessen werden: als in Europa. Das Volkseinkommen erreichte im vergangenen Jahr 42 Milliarden Mark – eine Größenordnung, die man als statistischen Fehler bei der Berechnung des amerikanischen Sozialproduktes durchaus hinnehmen würde. Aber das durchschnittliche Einkommen pro Kopf der Bevölkerung liegt mit Abstand über dem aller anderen afrikanischen Länder. Die Hälfte aller Telephone des Kontinents, mehr als die Hälfte des elektrischen Energie- und ein Drittel des Eisenbahnnetzes konzentrieren sich in diesem kleinen Zipfel Afrikas. Südafrika beherbergt nur sechs Prozent der Gesamtbevölkerung Afrikas und bedeckt nur vier Prozent der Fläche, aber 25 Prozent der Gesamtproduktion und 40 Prozent aller Industrieerzeugnisse stammen aus diesem kleinen Zipfel des Kontinents.

Wirtschaftlich ist Südafrika eng mit der übrigen Welt verbunden. Amerikanische Investoren haben über 2,4 Milliarden Mark in Bergwerken und Fabriken angelegt. Englands Vermögen in diesem Land ist viermal so groß, und der südafrikanische Markt ist einer der wenigen, auf denen England einen kräftigen Exportüberschuß erzielt. Im vergangenen Jahr führte Südafrika Güter im Wert von 10,8 Milliarden ein – ein Viertel der Importe des gesamten Kontinents –, seine Exporte erreichten sechs Milliarden Mark. Es ist ein wichtiger Uranproduzent und der bedeutendste westliche Lieferant für Chrom, Mangan und Rohdiamanten und – was noch wichtiger ist – es liefert nicht weniger als 72 Prozent des westlichen Goldes. Mit den Goldlieferungen gleicht Südafrika nicht nur seine Zahlungsbilanz aus, sondern stützt gleichzeitig das internationale Währungssystem.

Doch trotz der wirtschaftlichen Bande, die Südafrika und die übrige Welt zusammenhalten, steht es als Nation abseits. In einer Rede vor dem Wirtschaftsklub in Detroit stellte Anton Rupert, einer der führenden Geschäftsleute des Landes fest: „Vor sechzig Jahren, während des Burenkrieges, wurden wir in der ganzen Welt als Helden bewundert, heute sind wir die Stiefkinder des Westens.“ Diese Tatsache und die Gründe hierfür kennt jeder, der Zeitung liest.