Doch dem Frieden kamen Vietnamesen und Amerikaner nicht näher

Die Welt hat sich an den Krieg in Vietnam gewöhnt. Wer hätte vor einem Jahr für möglich gehalten, daß die Entspannung zwischen Sowjets und Amerikanern weitergehen werde, daß die Chinesen Gewehr bei Fuß zusehen würden, wie die Amerikaner den Hafen von Haiphong und Ziele inmitten der Wohnviertel von Hanoi bombardierten?

Der Konflikt ist lokalisiert und politisch auf die allen Großmächten noch vertraute Größenordnung des spanischen Bürgerkrieges begrenzt worden. Zwei Umständen ist dies zu danken: dem behutsam ausgeklügelten Eskalationsmechanismus Lyndon Johnsons, der seine Militärs fest am Zügel hält, und dem sowjetisch-chinesischen Konflikt, der es Ho Tschi Minh und seinen Freunden in Südvietnam teils erleichtert, teils gebietet, den Krieg auf eigene Faust ausschließlich mit eigenem Menschenpotential zu führen.

Die Amerikaner buchen das vergangene Kriegsjahr zu Recht als militärischen Gewinn. 1965, als die Vietcongs dem Sieg zum Greifen nahe waren, begann der US-Oberbefehlshaber General Westmoreland mit dem Aufbau einer Landstreitmacht, die das Übergewicht des Gegners mehr als ausgleichen sollte. Westmoreland, fernab aller Haudegen-Romantik, setzte die Tradition eines Ulysses-Grant und eines Dwight Eisenhower fort: Geduldig sammelte er solange Truppen, Hubschrauber und Artillerie, bis er die technische Überlegenheit der Weltmacht Amerika ungehemmt entfalten konnte. Erst dann suchte er den Feind in seiner Höhle auf und zwang ihm den Kampf nach eigener Wahl auf. Nirgendwo konnten die Vietcongs eine Offensive eröffnen, vielerorts mußten sie zur Taktik des reinen Guerillakrieges zurückkehren.

Eine militärische Niederlage à la Dien Bien Phu brauchen die Amerikaner nicht mehr zu befürchten. Dennoch ging ihre Kalkulation nicht auf: Die regulären Streitkräfte des Vietcong sind trotz der schweren Verluste, die ihnen von den Amerikanern zugefügt wurden, im Felde stärker denn je; ihre politische Herrschaft über weite Teile des Landes ist nach wie vor ungebrochen. Die Amerikaner waren wohl fähig, den Feind "aufzusuchen und zu vernichten", vermochten aber nicht, das Land "zu säubern und zu halten".

Ihre Sorgen um die Stabilität des Regimes in Südvietnam wurden allerdings weitgehend zerstreut, als die Militärregierung in Saigon wider Erwarten den Aufstand der Buddhisten überlebte. Der zierliche Premier, Pilot und Playboy Ky entpuppte sich als der sattelfesteste Regierungschef seit dem Sturz Diems. Scheinbar nachgiebig gegen die Forderungen des von buddhistischen Mönchen aufgestachelten Straßenmobs, gebrauchte er im rechten Moment Gewalt und zerschlug die buddhistische Opposition in den Nordprovinzen und in der Hauptstadt.

Dem Frieden ist das vietnamesische Volk auch nach zwanzig Jahren Krieg nicht nähergekommen. Alle mit großem Aufwand unternommenen "Friedensoffensiven" der Amerikaner verpufften. Vom sowjetischen Parteichef Breschnew wird ein Wort überliefert, das den ganzen Unmut verrät, der auch ihn ob der Halsstarrigkeit des alten Ho Tschi Minh überkommen hat: Hätten sie (die Vietcongs) vor achtzehn Monaten verhandelt, würden sie heute die Regierung in Südvietnam beherrschen; verhandelten sie jetzt, würden sie noch ein paar Ministerposten bekommen; in einem Jahr aber wird man ihnen nur noch die Pässe zustellen, die ihnen das Verlassen des Landes gestatten."