Von Kai Hermann

Berlin, Ende Dezember

Unter dem gottesfürchtigen Transparent einer evangelischen Jugendgruppe versammelte sich auf dem Berliner Kurfürstendamm eine fröhlich-junge Schar und stimmte eines der schönsten deutschen Weihnachtslieder an: Ihr Kinderlein kommet ... Nur andächtige Zuhörer bemerkten zeitgenössische Textvariationen: "... zum Ku-damm herkommet / Polizei macht Krawall / Ihr seht, was in dieser hochheiligen Stadt / der regierende Pfarrer für Dienerlein hat."

Die am andächtigsten lauschten, zählten zu den besungenen Dienern des Regierenden Bürgermeisters: Die Herren waren von der Kripo. Und wie von den Jünglingen singend geweissagt, gebar das unfromme Weihnachtsoratorium den Krawall. Wie sich weiland die Häscher des Herodes über die Kinder hermachten, so überwältigten die Staatsdiener das junge Volk, das sich anheischig gemacht hatte, Autorität zu unterhöhlen.

Krawall – der gehörte zu Berlins weihnachtlicher Weltstadtstraße wie die Kaufhaus-Kapuzenmänner mit Wattebart. Die "grünen Minnas" ergänzten allsonnabendlich das Tannengrün. Blaulicht brach sich in silbernen Christbaumkugeln. Im Duft gerösteter Mandeln lag der Geruch von Aufruhr und Revolution.

Die Berliner zittern vor ihrem demonstrierenden akademischen Nachwuchs. Als einst drei frische Eier am Amerika-Haus zerschellten, brach der Bürgerkrieg gegen die Dahlemer Studenten aus. Ein Waffenstillstand ist nicht abzusehen. Zum Jahreswechsel tritt die Auseinandersetzung vielmehr in eine neue und kritische Phase.

Es begann mit einer Vietnam-Demonstration. Zweitausend zogen zur Adventszeit dem rotierenden Mercedesstern des Europa-Center entgegen – freilich ohne den obligatorischen polizeilichen Segen. Die Obrigkeit hatte sie auf Wege umleiten wollen, auf denen der antiamerikanische Protest mangels Publikum wenig Aufsehen erregt hätte. Da aber, was in Westberlin passiert, in Kurfürstendamm-Nähe geschehen muß, drängte es auch Berlins Vietniks in diese Richtung. Sie holten sich blutige Köpfe und vielstündige Arreststrafen beim Sturm auf die uniformierte Stadtwacht, die die Schaufensterstraße des freien Berlins mit dem Gummiknüppel in der Faust siegreich verteidigte.