Der Schwarze Kontinent blieb ruhelos

Das Jahr 1960 war als Jahr der afrikanischen Revolution in die Weltgeschichte eingegangen. Damals begannen die weißen Kolonialherren Land um Land in die Freiheit zu entlassen. Der "Wind der Veränderung" – ein prophetisches Wort des damaligen britischen Premierministers Macmillan – gab einem alten Erdteil ein neues Gesicht. Die "jungen Staaten" bestimmten Weltpolitik mit. Ein neues, ein afrikanisches Zeitalter hob an. Große Ideen geisterten in den Köpfen mancher Politiker: Die Vereinigten Staaten von Afrika. Gesellschaftliche Umwälzungen wurden plakatiert: ein afrikanischer Sozialismus. Das Idealbild eines neuen Menschen wurde beschworen: die afrikanische Persönlichkeit.

Das Jahr 1966 hat dies alles zu Grabe getragen. Afrikas Stunde Null war wohl die Geburtsstunde neuer Staaten – Friede, Freiheit, Stabilität aber brachte sie nicht. An Stelle der Integration schritt die "Balkanisierung" fort; der Wunschtraum von der eigenen sozialistischen Sozietät gerann in der Wirklichkeit des politischen Alltags zur Herrschaft des einen Mannes, der einen Partei; und die "afrikanische Persönlichkeit" blieb ein philosophischer Homunkulus.

Dafür fand 1966 in Afrika eine zweite Revolution statt: die Militärs kamen an die Macht, stürzten in Ghana den selbstherrlichen "Erlöser" Kwame Nkrumah vom Denkmalssockel und ersetzten in Nigeria den demokratischen Experimentator Balewa. In vier Staaten übernahmen Offiziere die Regierungsgewalt, wie vor ihnen General Mobuto im Kongo und der Oberst Soglo in Dahomey: nämlich in Ghana und in Nigeria, in der Zentralafrikanischen Republik und in Obervolta; in Uganda jagten sie den Präsidenten davon und stellten sich hinter den Premier.

Im Jahre 1966 bestimmte das Militär als Ordnungsfaktor die afrikanische Szene. Und es ist nicht gewillt, die Macht so schnell wieder aus den Händen zu geben. Nicht die in London und Paris zu Politikern aufgewachsenen Zivilisten geben langer den Ton an, sondern die in den britischen und französischen Militärakademien gedrillten Obersten, die nun darüber wachen wollen, daß Stammesfehden und Korruption, diktoriale Willkür und Einparteienherrschaft ihre Länder nicht noch tiefer in den Abgrund stürzen. Für einen nüchtern denkenden Afrikaner wie den senegalesischen Staatschef Leopold Senghor ist dies ein natürlicher Vorgang. Revolutionen, so erklärte er zu den jüngsten Vorgängen, gehören zum Prozeß der Staatenbildung.

Was freilich einem General Mobuto im Kongo gelingen mag, muß nicht für die Militärs in Nigeria gelten, dem volkreichsten Land Afrikas, einst gerühmt als demokratischer "Musterstaat". Hier folgte ein blutiger Putsch dem anderen, hier kam es unter den Stämmen zu den grausamsten Metzeleien. Wenn 1966 von Afrika die Rede war, dann vor allem auch von Nigeria. Und noch ist nicht abzusehen, ob in diesem Teil Afrikas der Prozeß der "Konterrevolutionen" nicht in den Prozeß der staatlichen Auflösung umschlägt. Diese Gefahr ist noch nicht gebannt. Nigeria könnte, wenn die Generalität die 250 Stämme nicht zusammenhält, eine Kettenreaktion auslösen.

Das ist für die eingeschworenen Gegner afrikanischer Freiheit und Selbstbehauptung Grund genug, ihre Bastionen um so verbissener zu verteidigen – für die Weißen, die im Süden des Kontinents um ihre letzten Vormachtstellungen kämpfen: in der Südafrikanischen Union und in Rhodesien. Auch sie sorgten dafür, daß Afrika noch heute ein ruheloser Kontinent ist. Nicht Nkrumahs Sturz, nicht die vielen Militärputsche und auch nicht das nigerianische Chaos verursachten soviel außenpolitischen Wirbel wie der schier endlose Streit zwischen London und Salisbury, der sogar die Großmächte auf den Plan rief und die UN-Vollversammlung über Gebühr beschäftigte. Auch in Rhodesien fand so etwas wie eine Gegenrevolution statt, mit anderen Vorzeichen freilich und mit einem anderen Ziel. Hier wollen die Weißen beweisen, daß Afrika nicht den Afrikanern gehört.

Dietrich Strothmann