Unser Kritiker sah:

GROSSAUFNAHME FÜR ZWEI

Stück von Charles Nolte

Kammerspiel der Frankfurter Städtischen Bühnen

Als III. Programm offeriert das Frankfurter Schauspiel in dieser Saison zwei Studio. Abende: am ersten den für Deutschland neuen Amerikaner Charles Nolte, am zweiten „Nachtstück“ von Wolfgang Hildesheimer. Nolte knüpft thematisch an die Gesellschaftskritik an, wie sie Albee im „Amerikanischen Traum“ vorgetragen hat.

Bemerkenswert ist vor allem, wie Nolte den Wahn Jugendlicher aufs Korn nimmt. „Fit sein, Joghurt essen, Freiübungen machen und jung denken“ – diese Losung Crawfords, eines jungen Lagerverwalters, der hoch hinaus will, enthüllt der Autor als einen „Komplex“. Die falsche seelische Haltung resultiert aus Normen einer Gesellschaft, in der Jugend nicht als biologischer Zustand, sondern darüber hinaus als höchste Qualität gilt.

Das Demonstrationsobjekt für Crawfords verlogene Grausamkeit ist der siebzigjährige Lewis. Er dient im Lagerraum des Versandgeschäfts nur noch zum Auskehren. Zu „Spielen“, mit denen Crawford seinen eigenen Geltungsdrang und seine Zukunftsträume in Szene setzt, wird der Alte gefügig gemacht durch die ständige Drohung, man werde ihn sonst in die „Klapsmühle“ abschieben. Der smarte Junge, der schließlich an seinem „alten Kumpel“ zum Mörder wird, könnte als Psychopath gelten, wenn es nicht eine typische, gesellschaftlich repräsentative Phraseologie wäre, mit der er sein eigenes Minderwertigkeitsbewußtsein kompensiert.