Robert F.Kennedy: Bekenntnis zur Gerechtigkeit. Herausgegeben von Theodore J. Lowi. Econ-Verlag, Düsseldorf; 232 Seiten, 14,80 DM.

Es scheint so, als ob Robert F. Kennedys Aktivität als Justizminister im Kabinett seines ermordeten Bruders und als dessen engster politischer Berater schier unbegrenzt gewesen war: Mit neuen Methoden nahm er den Kampf gegen alles organisierte Verbrechertum in den Vereinigten Staaten auf, erhob Anklage gegen Mit-, glieder eines internationalen Rauschgiftringes, gegen den berühmt-berüchtigten Präsidenten der mächtigen Transportarbeitergewerkschaft wegen Geschworenenbeeinflussung und Darlehenschwindel, verklagte acht führende Stahlfirmen wegen gesetzeswidriger Preisabsprachen ebenso wie Funktionäre der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten. Es gelang ihm, die Stellung ärmerer Bevölkerungsschichten in Rechtsstreitigkeiten erheblich zu verbessern, eine Abänderung der vielerorts als diskriminierend angesehenen Einwanderungsgesetzgebung zu erwirken und sein Ministerium zu einer Bastion forschrittlicher Bürgerrechtspolitik auszubauen, das in kurzer Zeit allein 59 Verfahren vor höchsten Gerichten wegen Rassendiskriminierung anstrengte.

Doch nicht nur in der Funktion, die innenpolitischen Zielvorstellungen der Kennedy-Administration in wirksame Gesetze umzumünzen und ihre konsequente Beachtung zu gewährleisten, erschöpfte sich seine Tätigkeit; Robert Kennedy erwies sich auch als engagierter Außenpolitiker, der als Beauftragter seines Bruders in mehreren Ländern Aufträge des „Guten Willens“ ausführte, sich als Vermittler bei Territorialstreitigkeiten vor allem in Afrika bewährte, eine Schlüsselposition in einem Gremium zur Bekämpfung von Kleinkriegen einnahm und als Exekutivmitglied des Nationalen Sicherheitsausschusses maßgeblich an der Lösung der kubanischen Krise beteiligt, war.

Seine Leistungen sind in der Tat recht ansehnlich; doch will dieses Buch nicht so sehr von einzelnen Aktionen berichten, als vielmehr eine Art Kompendium seiner gesellschafts- und staatspolitischen Einsichten geben. Die erwähnten Beispiele der von ihm angegangenen Probleme bilden gewissermaßen nur den „Aufhänger“ zu Reden, Vorträgen und Veröffentlichungen, die hier in einer sinnvollen, leider manchmal unbeholfen übersetzten Auswahl vorgelegt werden. Ihre Lektüre empfiehlt sich auch in diesem Falle nicht vor allem der behandelten Themen wegen – natürlich gibt es sachgerechtere und gründlichere Darstellungen –, sondern um die geistigen Prämissen und politischen Wertmaßstäbe eines Mannes kennenzulernen, der in der Vergangenheit Entscheidendes geleistet hat, der heute als einflußreicher Senator von New York zu den ernst zu nehmenden Kritikern der Johnsonsehen Politik zählt und mit dem in Zukunft als chancenreichem Kandidaten für die Präsidentschaft in den Vereinigten Staaten zu rechnen ist.

Robert F. Kennedys politisches „Glaubensbekenntnis“ läßt sich etwa so zusammenfassen: Er geht von der optimistischen Annahme aus, der einzelne könne auch in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eine ordnende, rechtschaffende und friedenstiftende Funktion für die Gesellschaft wahrnehmen, vorausgesetzt, er ist freiheitsliebend, kritikfähig und bereit zum politischen Engagement. Im „Dienst an der Allgemeinheit“ müsse dann der persönliche Gewinn dem „Allgemeinwohl“ untergeordnet werden, was individuelle Zielsetzungen nicht ausschließe. Diesen (idealtypischen) Menschen setzte das amerikanische Regierungssystem, das auf dem Prinzip des freien Wettbewerbs Gleicher beruht, praktisch voraus, um voll funktionieren zu können. „Wenn Macht korrumpiert, wenn exzessiver Mißbrauch zu lange währt, korrigiert sich das System aus sich selbst.“ Recht sei alles das, „was immer dem Menschen seine Individualität sichert“.

Mit solchen Gedanken befindet sich Robert Kennedy in bester Gesellschaft. Alexander Hamilton, James Madison, Thomas Paine und vor allem Thomas Jefferson haben wohl Pate gestanden. Ihr Glaube an die unbegrenzten Fähigkeiten des einzelnen, an Freiheit, Gerechtigkeit und Glück war im achtzehnten Jahrhundert vielleicht nicht einmal utopisch. Ihn in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts noch zu vertreten, erregt Ideologieverdacht. Die nationale Erfahrung der Vereinigten Staaten zumindest in den letzten Jahrzehnten zeigt nicht so sehr Ordnung, Recht und Frieden im Innern, kennt weniger den selbstlosen Einsatz einzelner für das Allgemeinwohl, dokumentiert kaum noch unbegrenzte Möglichkeiten nach außen. Die praktischen Probleme, denen sich Robert Kennedy während seiner Regierungstätigkeit gegenüber gestellt sah, kommen der Wirklichkeit viel näher: lokale Armut, erhöhte Jugendkriminalität, organisiertes Verbrechertum, unkontrollierte Wirtschaftsmacht, restaurative Sozialstruktur, Rassendiskriminierung; politische Gleichgültigkeit weiter Bevölkerungskreise, Abwanderung qualifizierter Mitglieder der Exekutive in die gewinnbringende Privatwirtschaft; höchst vielfältige außenpolitische Abhängigkeiten, Stagnation im Zeichen des atomaren Gleichgewichts.

Warum also Kennedys Optimismus? Verkennt er die Wirklichkeit? Verhindert sein politisches Glaubensbekenntnis die Einsicht in die gesellschaftlichen Bedingtheiten? Übersieht er in nationaler Überschätzung die großen Gefahren von außen?