Die Ära Adenauer ist schon oft abgefeiert worden. Es scheint, daß sie im Jahr 1966 nun schließlich doch zu Ende gegangen ist. Sie war gekennzeichnet durch die Politik der West-Integration in der Außenpolitik, in der Innenpolitik durch die Vorherrschaft der Union, in der Wirtschaft durch stetiges und rasantes Wachstum, bei den Staatsfinanzen durch volle Kassen. Die Ideologie dieser Jahre war in ihrer negativen Ausprägung der Antikommunismus, in ihrer positiven Ausgestaltung der Glaube an die europäische und atlantische Gemeinschaft.

Die Union hatte diese Ära verlängern wollen – mit Hilfe Ludwig Erhards. Sie kürte ihn zum Kanzler, weil er im Bewußtsein des Volkes neben Adenauer die zweite symbolkräftige und wahlwirksame Gestalt aus den Anfangsjahren der Bundesrepublik war. Doch erwies sich Erhard nicht als der Mann, entschlossen einen neuen Kurs zu steuern.

Im Jahr 1966 ist das Regiment Erhard durch Richtungs- und Erbfolgekämpfe in der Union vollends unterminiert worden. Einmal sah es so aus, als ob Erhard seine Gegner in die Schranken weisen könnte. Rainer Barzel wollte in kühnem Zugriff das freigewordene Amt des Parteivorsitzenden erobern, doch als Erhard selber dafür kandidierte, mußte Barzel den Rückzug antreten. Erhards Position schien wieder gesichert.

Die Wahlen in Nordrhein-Westfalen zerstörten auch diese Illusion. An Rhein und Ruhr hatte die beginnende wirtschaftliche Rezession zuerst ihre Spuren hinterlassen. Der Glaube an den Magier des Wirtschaftswunders zerbröckelte. In Nordrhein-Westfalen erlitt die Union ihre psychologisch schwerste Niederlage, die SPD gewann fast die absolute Mehrheit. In diesen Wahlen verlor die CDU das Vertrauen in den Wahlkämpfer Ludwig Erhard. Der Regierungszerfall nahm danach die Formen galoppierender Schwindsucht an. Auch die FDP begann sich zu überlegen, wie lange sie noch das Bündnis mit der CDU aufrechterhalten konnte, ohne selber Schaden zu leiden. Von jener politischen Stabilität, die die Bundesrepublik in den fünfziger Jahren ausgezeichnet hatte, war so gut wie nichts mehr übrig geblieben, die Regierungsautorität war verspielt. Bei den Politikern wie bei den Staatsbürgern wuchs das Gefühl, nun müsse endlich etwas geschehen. Was aber geschehen sollte, darüber hatte, so schien es, kaum jemand eine klare Vorstellung.

Im Herbst war die Entwicklung soweit gediehen, daß die Freien Demokraten zum Abmarsch aus der Koalition bereit waren. Starke Kräfte in der Union sahen das nicht ungern: Sie wollten sich der Freien Demokraten bedienen, um Ludwig Erhard loszuwerden. Die Koalitionsverhandlungen waren nur noch eine Formsache; über die Frage der Steuererhöhung kam es zum Bruch, die Koalition wurde aufgekündigt. Erhard regierte zunächst in einem Minderheitenkabinett weiter, seine Tage aber waren gezählt.

Zwei Möglichkeiten einer Regierungsbildung standen offen: die Große Koalition zwischen den Sozialdemokraten und den Christlichen Demokraten und die Kleinstkoalition zwischen FDP und SPD. Vielleicht wäre die Kleinstkoalition zustande gekommen, wenn die FDP sofort und konsequent dieses Bündnis angesteuert hätte. Vielleicht. Aber beide Partner, FDP wie SPD, schreckten vor dem Wagnis zurück. Wochen quälender Überlegungen und schwieriger Verhandlungen begannen. Und mitten in der Krise wurde wieder gewählt: in Hessen und in Bayern.

Dabei zeigte es sich, daß die Krise keiner der Bundestagsparteien zu Hilfe kam. Nutznießer war die radikale Protestpartei auf der Rechten, die NPD. Die Freien Demokraten mußten in Hessen schwere Verluste einstecken, und in Bayern wurden sie aus dem Landtag hinausgewählt. Langsam, aber unerbittlich neigte sich die Waage zugunsten der Großen Koalition. Die CDU hielt dafür auch schon den Kanzler bereit: Kurt Georg Kiesinger. Erhard, völlig überspielt, blieb nur noch der Rücktritt.