Von Uwe Nettelbeck

Mit einem Teil der Summe, die ihm das Kuratorium Junger Deutscher Film zur Verfügung gestellt hat, fabrizierte der in Zorn und Trauer aus dem Land seiner Väter nach München emigrierte Jugoslawe Vlado Kristl, der den Erfolg fürchtet wie die Pest, weil er dann glauben müßte, etwas falsch gemacht zu haben, und deshalb alles tut, um keinen zu haben, seinen ersten abendfüllenden Farbfilm: Dieser Film war eine Katastrophe für mich. Ich hätte ihn sehr schnell zusammenstellen können, in sieben Tagen, weil ich so voll Wut war über das Geld, das ich bekommen habe.

Er heißt "Der Brief", und die Geschichte, die er nicht erzählt, weil sie ihm das Geld gebracht hat, ist von erstklassigem Symbolwert. Sein Drehbuch kündigt sie bieder an: T. findet einen Brief. Anstatt ihn einfach in den Postkasten zu werfen, entschließt er sich, pflichtbewußt, wie er ist, ihn persönlich zu übergeben. Er wandert darum durch die ganze Welt, findet erstaunliche Formen der Intelligenz, läßt sich aber nicht aufhalten und sucht so lange weiter, bis er endlich die Adresse findet. Dort erfährt er, daß er sein eigenes Urteil mitgebracht hat. Er wird hingerichtet. Man fühlt Sympathie für einen Menschen, der eine ideale Sache vertritt. Aber natürlich ist niemand bereit, ihm auf diesem Wege zu folgen. Auf seiner Wanderung gerät er auch in eine Revolution. Alles was ihm widerfährt, wirft ein Licht auf die Widersprüchlichkeit der Welt von heute. Kaum etwas von dieser Geschichte ist geblieben, und ihre Reste sind verkehrt zusammengesetzt und gehen unter in Geknatter, den unerwünschten Beifall derer, auf die Kristl sich losläßt, im Keime erstickend: Viados Film vom armen Vlado gibt die Vorschußlorbeeren wütend zurück, das schöne Geld ist hin, das Kuratorium wird es sich merken. Ich weiß überhaupt nicht, wozu ein Drehbuch dient. Das hat mir noch keiner offenbart, das ist ein Geheimnis für mich geblieben. Aber diesmal diente es konkret dazu, eine Prämie zu bekommen, dazu ist es geschrieben worden. Und das Geld kam und die Wut, und nun sollen sich alle ärgern. Ich kann mich bedanken, und bedanke mich mit diesem Film, dann sind sie alle böse! Ha, ha ...

Es kann Kristl mit diesem Film nicht viel passieren: Die Verleiher werden ihn, so sie ihn überhaupt zu Gesicht kriegen, fallen lassen wie eine heiße Kartoffel – so weit sind wir noch nicht, daß Kristl die Geduld und die Neugier des zahlenden Publikums fürchten müßte. Noch werden Zeiten vergehen, bis es etwas schluckt. Und die Verleiher, die Produzenten! Was denen gefällt, diesen Ochsenverkäufern, das muß fürchterlich, eine Schande sein. Wenn das ein Mensch macht, was diesen Leuten gefällt, dann muß man auf die zwei kotzen, auf den, der das gemacht hat, und auf den, dem das gefällt. Ich höre von Leuten, die sagen: na ja, das muß ich so machen, den ersten Film, aber dann gewinne ich Geld, und dann kann ich machen, was ich will! Sie sind schon ruiniert, mit diesem Satz ist es schon aus. Es braucht sie kein Mensch mehr, es braucht sie keine Mücke mehr... Er soll lieber etwas tun dann, hobeln oder was weiß ich. Im Film ist er nur ein Stein, über den die anderen stolpern. Er habe seinen Film, sagt Kristl stolz, für die Blindenanstalten gemacht, und rechnet fest damit, daß ihn die nicht beim Wort nehmen werden. In dem, was er im und mit dem Kino anstellt, gleicht Kristl jenen Addams-Babys, die von ihren Müttern nur in vergitterten Kinderwagen ausgefahren werden. Oder einem Clown, der seine eigenen Nummern heimtückisch und zielbewußt zu sabotieren sich anstrengt, der seine Zuschauer vor Lachen tot umfallen sehen möchte.

Obwohl das natürlich nicht zu schaffen ist: Kristl schafft es fast. Nicht genug damit, daß der Zuschauer unaufhörlich düpiert wird – er vermag auch in den Düpierungen keinen Sinn mehr zu entdecken, denn den hat Kristl ihnen peinlichst ausgetrieben. Das fängt schon mit dem Fabel-Rest an: Niemand ist gründlicher hereingelegt als der dem dabei, wofür ausreichend gesorgt ist, Kafka einfällt, weil hier Kafka nicht imitiert, sondern eine wenig ehrgeizige Kafka-Imitation zerstückelt wird. Nicht anders ist es mit den zahlreichen schönen Bildern, die Kristl aneinanderreiht: Sie sind alle derart verwackelt, daß mit Schwindelanfällen gestraft wird, wer sie sich gern ganz genau anschauen möchte. Und die Späße, die Kristl zu bieten scheint, laufen nur gegeneinander Amok und bringen sich um – Kristl bläst einen Luftballon nach dem anderen auf, aber jeden, bis er platzt. Er möchte mit den Mitteln des kulinarischen Kinos das kulinarische Kino erledigen. Und obwohl das natürlich nicht zu schaffen ist: Er schafft es fast. Denn selbst altvertraute, sonst dankbar bejubelte Kino-Gags steigert er so ins Monströse, daß ihnen bloße Erheiterung nicht mehr abzugewinnen ist. Wäre er das tapfere Schneiderlein, er würde nicht sieben Fliegen auf einen sauberen Streich erwischen vollen, er würde auf jeder einzelnen minutenlang herumtrampeln.

Vieles an diesem Film ist außerordentlich gut, von einem so perfiden Infantilismus und von solder Aggressivität, daß Kristl erreicht, was er wahrscheinlich erreichen wollte – daß sein Film sich selber an der Gurgel nimmt, sich eine zersrörerische Mechanik im Ablauf der Bilder entwickelt, die auch vor dem nicht anhält, was er lebt: Poetische Kinderträume kommen vor, aber sie sind zerfressen. Und manchmal setzt sich die Bosheit, die hier am Werke sein möchte, unmittelbar um in Bilder, die Bosheit nicht mehr bloß transportieren, sondern selber sind, zum Beispiel dann, wenn Kristls Film zeigt, wie Kristl Filme machen würde, wenn es nur funktionierte.

Letzten Endes jedoch verkehrt sich Kristls Wut gegen das Kino, das ihm ein Tempel ist, in dem die Händler die Poesie verschachern, in Ohnmacht: Einen Film zu machen, den man sich nur mit dem Rücken zur Leinwand ansehen kann, auf daß Platz werde für eine nie gesehene, unerhörte Kino-Poesie, das konnte auch ihm nicht gelingen. Denn auch der böse Widersinn des Unterfangens bleibt schließlich auf der Strecke weil er sich mitteilen möchte und muß. Weil niemand einen Film mit dem Rücken zur Leinwand absitzen wird. Und so tut Kristl doch, was er lassen will – liefert er ein, wenn auch noch so entnervendes Vergnügen, fängt er sich gerade in jener Falle, die er vor allen Dingen zu meiden versuchte: Seine Aufsässigkeit ist den verabscheuten Kino-Traditionen zutiefst verpflichtet und über den Trümmerhaufen, den sie hinterläßt, nicht hinausgedacht.

Der prononcierte Avantgardismus, den Kristl zelebriert, entpuppt sich als Reflex auf das, was er zerschlagen möchte. Der Mann, der in einer Szene des "Briefes" einem Photographen die Kamera entreißt und sich dann panisch knipsend im Kreise dreht, ist blind.