Von Hilke Schlaeger

Zwischen 1945 und 1960 war es eigentlich selbstverständlich, daß sich Gymnasiasten auf viel zu kleinen Bänken in viel zu kleinen Räumen herumräkelten, daß es Wanderklassen und Schichtunterricht gab, daß die Schulgebäude, die den Krieg überlebt hatten, doppelt und dreifach belegt waren. Damals hieß es: „Seid froh, daß wir nicht ausgebombt sind und ihr überhaupt eine Schule habt.“

Inzwischen ist, sagt man, ja alles ganz anders geworden. Inzwischen haben die Länder und Gemeinden gewaltige Anstrengungen unternommen, um der Vermittlung von Bildung und Wissen auch den angemessenen Rahmen zu verschaffen.

Aber beispielsweise und ausgerechnet in Frankfurt gibt es eine Schule, deren Besichtigung ich jedem empfehlen möchte, der glaubt, nun sei doch wohl das Schlimmste überstanden. Ihm werden wie mir wohl Zweifel kommen, was davon zu halten sei: Hessen vorn – das schulpolitisch modernste Land der Bundesrepublik – das Mekka der Pädagogik.

Das Frankfurter Ziehen-Gymnasium ist nicht nur eine der größten Oberschulen des Landes – mit mehr als 1200 Schülern in 43 Klassen und über hundert Lehrern; es ist auch eine seiner wichtigsten. 1959 wurde der Schule vom hessischen Kultusminister wegen einiger neuartiger pädagogischer Unternehmungen der Ehrentitel „Schule mit besonderer Bedeutung“ verliehen. Zur besonderen Bedeutung gehören Koedukation und Zusammenarbeit mit der Staatlichen Hochschule für Musik; die sogenannten Lenkungsversuche für Mittelschüler, die nach dem Abschluß ihrer Realschulzeit ohne Zeitverlust zum Abitur gebracht werden; das weit gefächerte Angebot an möglichen Fachkombinationen, das die Ziehen-Schule besonders für Schüler, die aus anderen Bundesländern nach Frankfurt kommen, attraktiv macht; dazu die hohe Zahl von Referendaren, die hier ausgebildet werden – durchweg mehr als zwanzig gleichzeitig.

Zur „besonderen Bedeutung“ der Ziehen-Schule gehört aber auch, daß sie ganz offensichtlich aus allen Nähten platzt; daß sie erstens sehr alt und zweitens sehr schäbig ist.

Das 1913 für etwa vierhundert Schüler eingerichtete Hauptgebäude sieht so aus, wie sich ein Baumeister der Wilhelminischen Ära die Kreuzung zwischen Heidelberger Schloß und Konstanzer Konzilshaus vorstellte. Der letzte Anstrich der Klassen stammt aus dem Jahre 1952.