Das „Große Barrierenriff“, ein Korallenriff riesiger Ausdehnung vor der Nordostküste Australiens und eine berühmte Touristenattraktion, könnte den Schlüssel zu einigen medizinischen Rätseln enthalten. Seltsamerweise sind es gerade die gefährlichsten Bewohner dieses Riffes, an die man die größten Hoffnungen knüpft. Sie tragen Namen wie „Seewespe“, „Feuerschnecke“ und „dornengekrönter Seestern“. Diese mit tödlichen Giftwaffen ausgestatteten Tiere haben in den vergangenen Jahren mehr als 30 Bewohner von Queensland, des nördlichsten Staates Australiens, getötet. Jetzt will man mit Hilfe dieser Tiere menschliches Leben retten.

Der Mann, der hinter diesem außergewöhnlichen Projekt steht, heißt Robert Endean, ist Professor für Zoologie an der Universität von Queensland und einer der besten Kenner seltener Gifte in Australien.

Dr. Endean gab kürzlich einige Ergebnisse der von ihm geleiteten Forschungsergebnisse bekannt.

Bringt man das Gift einer von zwei an dieser Küste beheimateten gefährlichen Seeschneckenarten in einen Muskel, so wird dieser augenblicklich völlig entspannt. Das Gift beeinflußt aber lediglich die Skelettmuskulatur und zeigt keine der unangenehmen Nebenerscheinungen und Behandlungsschwierigkeiten, die bei den heute zur Muskelentspannung benutzten Giften der Curare-Gruppe auftreten. Das Gift der anderen Schneckenart bewirkt erstaunlicherweise das Gegenteil: Bringt man es in den Muskel, so zieht sich dieser sofort zusammen und Verharrt im kontrahierten Zustand.

„Ich kenne keine Substanz, die einen solchen Effekt hervorrufen könnte“, meint Dr. Endean dazu. „Eigenartigerweise hört die Wirkung sofort auf, wenn der Giftstoff wieder entfernt wird. Ich bin sicher, daß man diese Stoffe schon bald benutzen kann, um Muskeln zu behandeln, die durch Krankheit geschädigt oder geschwächt sind. Außerdem könnte sich das zweite Gift als wirksames Herzanregungsmittel erweisen. Wir haben es bereits mit Erfolg am Herzmuskel einer Kröte erprobt.“

Ein anderes vielversprechendes Lebewesen des Barriereriffs ist der Dornenkronen-Seestern. Die Forscher haben aus ihm einen Giftstoff isoliert, der möglicherweise zur Krebsbehandlung benutzt werden könnte. Nach Dr. Endean scheint nämlich das Gift mit dem der sogenannten Seewalze identisch zu sein, von dem man weiß, daß es die Entstehung von Tumoren bei Mäusen zu verhindern vermag.

Eines der interessantesten von den Forschern isolierten Gifte ist das einer Quallenart mit langen Nesselfäden, der schon viele Menschen im nördlichen Queensland zum Opfer gefallen sind. Die Berührung mit den Nesselfäden führt innerhalb weniger Sekunden einen qualvollen Tod herbei.