Von Peter Urban

Es ist für einen deutschen Verlag 1966 kein geringes Wagnis, Werke eines Schriftstellers aus dem neunzehnten Jahrhundert zu publizieren. Das Risiko verringert sich nicht gerade, wenn es sich noch dazu um eine Briefausgabe handelt –

Fjodor M. Dostojewski: „Gesammelte Briefe 1833–1881“, übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Friedrich Hitzer; R. Piper & Co. Verlag, München; 744 S., 32,– DM.

Der Entschluß, Dostojewskijs Briefe zu edieren, ist dem Piper Verlag um so höher anzurechnen, als im Nachwort zu einem berühmten Roman Dostojewskijs in einer populären Klassiker-Reihe zu lesen steht: „Es gibt nur wenige Schriftsteller, deren Briefe im allgemeinen so banal und voll alltäglicher Sorgen und belangloser Mitteilungen sind wie die“ – nun ja, Dostojewskijs.

Der junge Dostojewskij dazu: „Den Brief hättest Du sehen sollen, den ich ihm darauf geschrieben habe! Er ist ein Muster von polemischem Stil. Ich habe ihn wirklich gut abgefertigt. Meine Briefe sind Meisterwerke der ‚Lettristik‘.“ Im selben Jahr (1845) allerdings schreibt derselbe Dostojewskij: „Ich habe diesen Brief durchgelesen und festgestellt, daß ich 1. fürchterlich schreibe und 2. ein Prahlhans bin.“

Diese beiden Zitate scheinen eine Beobachtung der russischen Formalisten zu unterstreichen, nämlich die, daß der Brief als literarisches Phänomen noch auf seinen Bearbeiter wartet. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß man mit Dostojewskijs Werken selbst noch nicht recht fertig geworden ist. Fruchtbare Ansätze zu einer Poetik des Briefs und vor allem seiner Stellung in der Entwicklung der russischen Prosa – man denke an die Briefromane von Puschkin, Gogolj und Dostojewskij – finden sich bei den russischen Formalisten, etwa im Band „Russische Prosa“, ediert von Jurij Tynjanow und Boris Eichenbaum. Demnach war der Brief von geradezu entscheidender Bedeutung beim Übergang von der Lyrik zur Prosa. Er wurde rezitiert, er wurde für den Vortrag geschrieben, also stilisiert.

Bei Dostojewskij freilich scheint diese „gesellschaftliche“ Komponente zeitweise in den Hintergrund zu treten, und seine Briefe lesen sich, besonders in Zeiten großer Produktivität, wie Lebensberichte aus dem Alltag des Schriftstellers. ‚Eine Auflage in der Höhe von 2000 Exemplaren würde nicht mehr als 1500 Rubel kosten. Ein einzelnes Exemplar könnte man für 3 Rubel verkaufen. So könnte mir der laufende Verkauf der Bücher die Versorgung sicherstellen, ich hätte Geld und könnte 1 1/2 Jahre an einem großen Ronan arbeiten.“ Zahlreich sind die Anmerkungen wie: „Um Gottes willen, zeige meinen Brief niemandem, und erzähle auch nichts davon. Scheußlich.“ Oder: „Teilen Sie das, was ich Ihnen nun ichreibe, niemandem mit, weil ich fühle, daß es mich einigermaßen bloßstellt.“ Sie scheinen nur zu sehr denen recht zu geben, die für eine Intimsphäre des Genies und damit gegen Briefpublikationen plädieren. Doch sollten derlei Argumente – da Dostojewskij bald hundert Jahre tot ist und noch immer als Zerrbild durch die Gazetten geistert – zurücktreten hinter dem legitimen Interesse, endlich auch die Biographie Dostojewskijs kennenzulernen. Um etwa Dostojewskijs „Haßliebe“ gegenüber Gogolj zu verstehen, muß man einfach auf die Briefe zurückgreifen. Und es besteht kein Zweifel, daß diese Briefe Präziseres aussagen als so manches emsige Biographenwerk. Selbst „Banalitäten“ (wie etwa die unablässigen Geldsorgen) und „belanglose Mitteilungen“ werfen ein Licht nicht nur auf die Person Dostojewskijs, sondern immer auf sein Werk, was nicht zuletzt dem beispielhaft ausführlichen Kommentar dieses Bandes zu danken ist.