Von Alexander Mitscherlich

Es hieße unser Zeitalter barbarisch zurückschrauben, wenn man zu gewalttätigen Revolutionen seine Zuflucht nähme, schrieb Mirabeau knapp ein Jahr vor dem Ausbruch der Französischen Revolution. Seither gab es genug Zurückschraubungen, so daß man heute vorsichtiger permanente Barbarisierungsprozesse einkalkuliert und auf den Karten die Fähnchen steckt, wo das Geschehen gerade akut und epidemisch wird. Diese Mischung von Unberechenbarkeit des Verhängnisses und Unwilligkeit, sein Herannahen zur Kenntnis zu nehmen, läßt den Autor dieses Buches –

Peter Brückner: „Freiheit Gleichheit Sicherheit“ – Von den Widersprüchen des Wohlstands; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 158 S., Paperback 9,80 DM

– auf der Hut sein. Er macht seine Aussagen oft sprunghaft, in Eile, als wolle er Schlimmem zuvorkommen. Dabei sollte, was er vorbringt, nicht in einen Topf geworfen werden zur „Kulturkritik“. Es kann einem das Leben schwer werden, auch aus anderen Gründen als enttäuschten romantischen Erwartungen.

Peter Brückner untersucht die Einflüsse auf jenen Persönlichkeitsbereich, in dem sich das Selbstverständnis des Menschen vollzieht. Da wären Vorschußlorbeeren, wie sie in schönem Pathos die Aufklärung spendete, nicht angebracht. „Was sich als Individualität präsentiert, läßt sich gesellschaftswissenchaftlich beschreiben.“ In der Überzeugung, daß dieser Satz weitgehend richtig ist, gründet die Angst des Autors, sie ist das Motiv seines beeilt vorwärts tastenden Buches.

Es sind spezifische Zeitläufte, und insbesondere die Verlaufsformen des gesellschaftlichen Daseins in seinem Vaterland, die ihn antreiben. Sein Buch ist also kurz angebunden, ein Stenogramm von Warnungen. Man möchte, aber man kann die Lektüre nicht aufgeben, vielmehr muß der Leser an sich und seiner Zeit weiter rätseln, wo ihm der Autor nur Kurzmitteilungen macht.

Einer der thematischen Hauptsätze beklagt die politische Beschränktheit, ohne Antithese leben zu wollen: „Gegensätzlichkeit und Widerspruch stehen nicht hoch im Kurs, wenn sie, wie heutzutage, einer demokratischen Regierung bestenfalls nur als private Marotte gelten. Wo aber Gesellschaften keine politischen Alternativen mehr kennen, oder zulassen, sondern die Kritik einzelner am System der zwangshaft angestrebten sozialen Integration zum Opfer bringen, heißt die einzig verbleibende Alternative: Erstarrung oder Untergang.“ Von letzterem will man natürlich im Ausklang unseres wunderlichen Wiederaufstiegs nichts wissen.