Von Marion Gräfin Dönhoff

Das Jahr 1966 hat deutlich werden lassen, welche der Entwicklungen, die sich in den sechziger Jahren abgezeichnet haben, bleiben werden und welche nicht.

Wurden 1965 noch Seminare abgehalten, in denen Ostexperten darüber stritten, ob und unter welchen Umständen die beiden kommunistischen Weltmächte – die Sowjetunion und China – sich wieder zu gemeinsamer Aktion zusammenfinden könnten, so besteht am Ende des Jahres 1966 grundsätzlich Einigkeit darüber, daß es keine Identität mehr zwischen ihnen gibt, daß der Bruch unheilbar ist.

Meinte man 1965, also in dem Jahr, in dem die ersten amerikanischen Kampftruppen in Vietnam gelandet wurden, daß die sich dort seit Jahren zuspitzende Situation in Zukunft jegliche Verständigung zwischen den USA und der Sowjetunion blockieren werde, so wissen wir heute, daß das Jahr 1966 überraschenderweise eine ganze Reihe von Entspannungsbeweisen – Entspannung zwischen Washington und Moskau – gebracht hat.

Hielten die Blockfreien, die sich im Juni 1965 in Algier versammelt hatten, die Welt noch mit der Frage in Atem, ob die zweite Bandung-Konferenz stattfinden werde oder nicht, hielt der chinesische Ministerpräsident Tschu En-lai die Dritte Welt damals noch für so wichtig, daß er sich die Zeit nahm, Anfang 1965 sechs Wochen lang durch Afrika zu reisen, um Bundesgenossen zu sammeln, so wissen wir heute, daß mit der Lockerung der östlichen und westlichen Blocksysteme auch der "Block" der Bündnisfreien an Bedeutung verloren hat. Die Vorstellung aus den frühen sechziger Jahren, die Dritte Welt werde eine entscheidende Rolle auf der weltpolitischen Bühne spielen, ist durch die Entwicklung überholt worden. Die Neutralen, die sich nicht zur Option zwischen Ost und West zwingen ließen, widersetzen sich heute auch der Stellungnahme im Streit Moskau–Peking.

Die Situation zu Beginn des Jahres 1967 ist dadurch charakterisiert, daß die weltpolitische Auseinandersetzung nicht mehr in den starren Fesseln des Ost-West-Dualismus festgekettet liegt, sondern sich mit sehr viel mehr Variationen im Dreieck zwischen Washington, Moskau und Peking entwickelt. An die Stelle der stumpfsinnigen Rivalität zweier antagonistischer Ideologien sind die wechselnden Interessen und vielfältigen Sorgen verschiedener Mächte getreten.

Wir haben 1966 beobachten können, daß in einigen Fällen die Interessen der beiden industriellen Weltmächte – Amerika und Sowjetunion – gleichgerichtet waren, einfach weil beiden gar nichts anderes übrig bleibt, als an den friedlichen Wettbewerb ihrer verschiedenen Gesellschaftssysteme zu glauben. Jedesmal wenn dies geschah, öffnete Peking, der dritte im magischen Dreieck, die Schleusen seiner Propagandaapparatur und erhob gegen die beiden anderen den Vorwurf der Kollaboration.