Von Karl Heinz Wocker

Von Modeschöpfern erwartet man, daß sie Abbilder dessen sind, was sie zeichnen. Mary Plunket Greene hat mit 33 eine fabelhafte Figur. Als sie noch Mary Quant hieß und 19 Jahre zählte, war sie pummelig und von der Verfressenheit aller sozialen Emporkömmlinge. Hätte der Cassel-Verlag, als er im April ihre Selbstbiographie „Quant by Quant“ herausbrachte, alle Stellen fortgelassen, die sich aufs Essen beziehen, auf Londoner Westend-Restaurants oder die Mahlzeiten der europäischen Fluggesellschaften, so wäre das Buch um ein beträchtliches Quentchen dünner ausgefallen. Doch auch mitsamt diesen Passagen sind die Memoiren von Modellmaß: 198 Seiten.

Hinter der Autorin liegt eine jener Karrieren, von denen jedes Mädchen träumt, das wirklich nachzuahmen aber wenige den Wunsch hätten. Ehe Mary Quant soweit war, ihren „Bazaar“ in der King’s Road in Chelsea zu eröffnen, gab es bittere Jahre als Näherin bei Erik in der vornehmen Brook Street für 30 Mark in der Woche. Heute diniert sie in allen Hiltons und Savoys der Welt; damals steckten ihr die jamaikanischen Küchenjungen aus dem angrenzenden Claridge Hotel zu, was dessen vornehme Gäste zurückgehen ließen. An manchen Tagen mag sie von den Frühstücksresten des Herzogs von Windsor gelebt haben.

Aus dem armen Wales ins goldene Westend der Hauptstadt war es ein mühsamer Weg. Die Eltern waren beide Lehrer, hatten die Universität mit vorzüglichen Prädikaten verlassen und werkten als besessene Pädagogen. Das hätte auch weniger individualistische Töchter vergraulen müssen. Mary tauchte in London unter, ging auf eine Kunstschule, entglitt den Eltern mehr und mehr. Die Legende will, daß sie Kleider zu zeichnen begann, weil sie sich alles das, was sie gern anziehen mochte, nicht leisten konnte. Die Wirklichkeit war anders, wenn auch nicht weniger romantisch.

Die Wirklichkeit hieß Alexander und war ein gleichaltriger junger Mann aus gutem Hause, entfernt verwandt mit dem Herzog von Bedford, der in England das show business geadelt hat. Die meisten Plunket Greenes werden Beamte im Foreign Office, aber Alexander schlug aus der Art. Sein Hang zum bequemen Leben und seine Vorliebe zum Verschlafen der Vormittage wurden noch unterstützt durch die Gewißheit, die selbst unbegüterte Ableger der englischen Oberschicht in sich tragen: der Gewißheit, immer auf die Füße zu fallen. Alexander Plunket Greene muß damals eine Mischung aus Oblomow und Neckermann gewesen sein, ein Nichtstuer mit der Witterung des künftigen Millionärs. Als er einmal – wieder einmal – pleite war, fand er ein Paar goldene Manschettenknöpfe aus dem Besitz irgendeines spleenigen Onkels. Er trug sie zu einem Händler in Chelsea, der ihm 450 Mark bot. Das machte ihn hellwach. Er fuhr zu einem Juwelier in die Bond Street und bekam 4000.

Diesen jungen Mann lernte Mary Quant kennen, als sie 16 war. Zehn Jahre lebten sie zusammen. Ihre Beziehungen nennt Mary Quant intellectual sex“ und spricht von „experimenteller Unschuld“. Sie müssen das verrückteste Pärchen der Stadt gewesen sein. Alexander ließ sich wie tot aus dem Gepäcknetz eines Zuges fallen, um die Passagiere zu schockieren. Sie tanzten nächtens den Gemüsemännern auf dem Convent Garden Market etwas vor oder inszenierten mit Freunden zum Schein ein Kidnapping am hellichten Tage mitten in Kensington. Als beide 26 waren, heirateten sie.

Ein wichtiges Ingredienz dieser verrückten Jahre war ihre Kleidung. Aber daraus wäre nie eine Profession geworden, hätte nicht Alexander zum 21. Geburtstag 50 000 Mark geerbt und mit seinem Freunde Archie McNair nach einer günstigen Kapitalanlage gesucht. Dieser Archie besaß eine Coffee-Bar in Chelsea. Die beiden kauften ein Haus in der King’s Road, das einem doppelten Zweck nutzbar gemacht wurde: Ein Restaurant wurde im Keller eröffnet, ein Laden im Parterre. In dem Laden sollte Mary Röcke, Blusen, Schals und die tausend Kinkerlitzchen verkaufen, die junge Mädchen mögen. Sie nannten den Laden „Bazaar“. Was Mary Quant in ihrer gastronomischen Denkweise vorschwebte, war eine „Bouillabaisse aus Kleidern und Zubehör“. „Bazaar“ war zuerst nur eine Boutique zum Weiterverkauf. Erst als Mary alles, was sie morgens beim Großhandel geschickt ausgewählt und mittags noch geschickter verändert hatte, am Abend schon aus der Hand gerissen war, begann sie auch selbst zu produzieren, zunächst mit einer alten Nähmaschine und einer Hilfe in einem Hinterzimmer, dann allmählich in einer regelrechten Werkstatt. Ein zweiter Laden kam hinzu; er lag bereits in South Kensington, in der Nähe der etablierten Kaufhäuser.