Seit Jahren werden die verantwortlichen Wissenschaftler der amerikansichen Luft- und Raumfahrtbehörde NASA von der Befürchtung heimgesucht, in ihren Gemini- und Apollo-Raumschiffen könne eine Feuersbrunst ausbrechen. Denn im Gegensatz zu den sowjetischen Raumschiffen, die bisher stets mit einem normalen Luftgemisch von Stickstoff und Sauerstoff ausgerüstet waren, sind amerikanische Flugkörper mit reinem Sauerstoff bei Unterdruck (ein Drittel Atmosphäre) gefüllt. Ein simpler Kurzschlußfunke, so sorgte man sich, könne in reinem Sauerstoff sogleich einen explosiv-lodernden Brand entfachen.

Es war jedoch blinder Feueralarm. Experimente zeigten jetzt, daß jedes kreisende oder zum Mond schwebende Raumschiff einen selbsttätigen Feuerlöscher an Bord hat: die Schwerelosigkeit. Auf Parabolflügen mit Düsenmaschinen kann für kurze Zeit ein schwerefreier Zustand geschaffen werden. Dabei wurden in mehreren Sauerstoff-Kammern verschiedene Materialien in Brand gesetzt. Die Flammen erloschen zumeist schon nach anderthalb Sekunden. Für den Rest der insgesamt dreißig Sekunden dauernden Schwerelosigkeit schwelte das Feuer oder verlosch gänzlich. Nach den Schätzungen der Wissenschaftler war die Brennbarkeit des Test-Materials außerhalb der Erdenschwere um 90 Prozent reduziert.

Bei irdischem Feuer können die heißen und daher leichten Brandgase nach oben aufsteigen, während sauerstoffreiche Luft seitlich nachströmt. Im schwerelos schwebenden Raumschiff dagegen dehnt sich um das Feuer herum eine Blase heißer, verbrauchter Gase allseitig aus und es kann keine Frischluft zufließen. Die umgebende Luft drückt die Brandgase zu einer Heißluftglocke über dem Feuer zusammen. Sofern kein künstlicher Zugwind weht, muß das Feuer verlöschen. Das Ergebnis des elementaren Schulversuchs: eine freifallende (also schwerelose) Kerze verlöscht, gilt also auch für eine Atmosphäre von reinem Sauerstoff.

Wegen der erheblichen vielseitigen Vorteile der Ein-Gas-Atmosphäre sollen auch die amerikanischen Astronauten des Apollo-„Mondschiffes“ reinen Sauerstoff atmen. In dieser Atmosphäre kann bei einem plötzlichen Druckverlust keine „Druckfall-Krankheit“ auftreten, die der Taucherkrankheit verwandt ist. Sie entsteht durch Ausperlen von im Blut gelöstem Stickstoff, der die Kapillaren verstopft. Außerdem können Raumschiffe, die dem Vakuum des Weltraums nur ein Drittel Atmosphäre Innendruck entgegensetzen, leichter gebaut sein, und die Gasverluste durch unvermeidliche Leckstellen sind geringer. Ebenso dürfen die Geräte, die das Atemgas umwälzen, trocknen und von Kohlensäure befreien, einfacher und leichter sein. Als wesentlicher Nachteil bleibt nach dem Fortfall der Feuerfurcht noch die schwere Kühlbarkeit der dünnen Raumschiff-Atmosphäre.

Gustav Adolf Henning