Ich bin ein profilierter Wissenschaftler und Wirtschaftspolitiker“, sagt der neue Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen von sich selbst und fegt unwirsch das Odium vom Tisch, seine Berufung sei eine Verlegenheitslösung.

Es ist jedoch in der Tat kein Geheimnis, daß der bisherige Leiter des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften, Professor Dr. Bruno Gleitze, nicht ganz spontan auf die Kabinettsliste der neuen Düsseldorfer Landesregierung gelangt war. Vielmehr hatte sich Ministerpräsident Heinz Kühn, als er zum Endspurt auf die Regierungsbildung ansetzte, zuvor gerade für den Stuhl des Wirtschaftsministers einige Körbe geholt. Verbürgt sind vier Absagen, Auguren wollen sogar wissen, daß nicht weniger als neun vorlagen, als Heinz Kühn, buchstäblich in letzter Minute, den Kölner Gewerkschaftsprofessor in sein Kabinett bat. Dieser sagte endlich zu und reagiert nun – verständlicherweise – höchst empfindlich, wenn er als „letzte Wahl“ angesehen wird.

Mit dem Rüstzeug für die keineswegs beneidenswerte Aufgabe, der Wirtschaftsminister eines Landes zu sein, das an allen Ecken und Enden von ernsten Krisensymptomen geschüttelt wird, fühlt er sich selbst bestens versehen. „Ich bin ja nicht plötzlich ein Wirtschaftsminister, ich bin ein gewordener Mann“, der es nicht mehr nötig habe, erst noch zu beweisen, was mit ihm los sei, sagt der neue Hausherr im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium, der wissenschaftliche Leistungen und ein engagiertes politisches Leben, wenn auch nicht das eines Politikers im eigentlichen Sinne in die Waagschale zu werfen hat. Auf die Frage aber, ob der Minister schon eine Konzeption für seine Amtsführung hat, fällt die Antwort geradezu schroff und abweisend aus.

Das Gefühl, sich gegen Unterstellungen oder gar Mißdeutungen seiner Person und seiner Position wehren zu müssen, verläßt ihn offenbar selten; das kommt bei einem Mann, den sein bis jetzt 63jähriges Leben nahezu unentwegt in die Verteidigungsposition gezwungen hat, vielleicht nicht von ungefähr.

Der Sozialist Bruno Gleitze hat oft in seinem Leben den Konflikt mit einer ihm feindlichen Umwelt gespürt, hat immer wieder – und zwar mit allen Konsequenzen – erfahren, was es heißt, eine nicht gefragte Überzeugung zu haben. Von Kindesbeinen an hat sich dieser Mann – der sich selbst, frei von bourgeoisen Wertvorstellungen, ein „echtes Berliner Hinterhofkind“ nennt – seinen Platz in der Gesellschaft hart erkämpfen müssen, sogar wiederholt neu erkämpfen müssen.

Das hat ihn geprägt, und überraschen kann es kaum, daß er nicht gerade der Prototyp eines Menschenfreundes geworden ist. Es ist sogar leicht vorstellbar, daß ihm die Idee, der er sich uneingeschränkt und ohne Kompromisse verpflichtet fühlt, mehr bedeutet als die Menschen, denen sie letztlich dienen soll. Der Gedanke, daß dieser kleine, sehr runde Mann mit den ungemein wachen Vogelaugen von Herzen lachen kann, verbietet sich fast, wie auch der Humor, der erst auf dem Boden menschlicher Wärme richtig gedeihen kann, sicherlich nicht seine starke Seite ist.

Der „gewordene Mann“ ist als Berliner Arbeiterkind aufgewachsen. Gelegentlich fällt er auch heute im Gespräch, das bei ihm fast ein Selbstgespräch, jedenfalls aber in erster Linie ein längerer Monolog ist, in den unverwechselbaren Dialekt seiner früheren Jahre.