• „Wifredo Lam“ (Hannover, Kestner-Gesellschaft): Als der Surrealismus gegen Ende der dreißiger Jahre alt und müde geworden war, betrat der kubanische Urwäldler Wifredo Lam die Pariser Bühne und half aus einer kritischen Phase. Wifredo Lam seinerseits hat von den Surrealisten, von Max Ernst, Victor Brauner und Matta profitiert, auch von Picasso, der ihn wie einen Sohn in sein Haus aufnahm. Sie gaben ihm Mut, in den tropischen Dschungel seiner Herkunft zurückzukehren.

Bei uns waren Bilder von Lam bisher nur selten und nur vereinzelt zu sehen, in Kassel auf der documenta II und III, in Darmstadt unter den „Zeugnissen der Angst“, im Schloß Morsbroich unter „Surrealismus heute“.

Wieland Schmied bringt die erste Gesamtausstellung – bis zum 15. Januar in Hannover; sie geht anschließend ins Stedelijk Museum, Amsterdam, ins Palais des Beaux Arts, Brüssel, ins Moderna Museet, Stockholm, in die Nationalgalerie Berlin und ins Museo Civico Turin.

Hundert Bilder aus den Jahren 1938 bis 1966, einige Pastelle, Radierungen und Illustrationen zu surrealistischer Dichtung.

Nach unpersönlichen Anfängen mit reduzierten, am Spätkubismus orientierten Köpfen und Figuren findet Lam mit „Lumière de la forêt“ 1942 und„Oiseau-Papaya“ 1944 seine Urwald-Thematik, an der er festhält, die ihn nicht losläßt, die ihn zu grandiosen Bildern inspiriert. Völkerkundler mögen entscheiden, was sie an kubanischer Folklore, an atavistischen indianischen Kultvorstellungen enthalten.

Wifredo Lam, Sohn eines eingewanderten Chinesen und einer indianischen Mutter, hat dem totemistischen Dschungel eine phantastische und künstlerisch disziplinierte Bildwelt abgerungen, eine Welt aus harten, messerscharfen, zackigen Formen, die Palmen, Zuckerrohr, Pfeilspitzen assoziieren und als spitzgliedrige, abgemagerte Tiere und Götzen durch die üppig wuchernde Vegetation geistern lassen: Insekten, Frauen, Orchideen in Metamorphose, in einer seltsam fahlen Skala von Braunviolett, Grau und Schwarz mit schemenhaften weißen Einschüben. In den letzten Bildern – wie „Les enfants sans äme“ oder „Chien à deux têtes“ oder „Le corps miroir de l’âme“ (1966) – wird die formale Aggressivität noch stärker intensiviert, hat Lam den mysteriösen Urwald ohne realen Rest in Malerei verwandelt.

„Costa Pinheiro“ (München, Galerie Leonhart): Pinheiro ist 1932 in Portugal geboren, er hat in München studiert und lebt seitdem in München. Vor zwei Jahren hat er in der Galerie Leonhart erfolgreich debütiert, 1966 erhielt er den Burda-Preis für Malerei. Nach einer kurzen informellen Phase ist Pinheiro, ähnlich wie Antes, zur figuralen Malerei übergegangen mit bemerkenswert origineller Thematik. In der neuen Serie von Bildern und Farbradierungen, die bis Mitte Januar ausgestellt sind, hat er das Motiv der Spielkarte mit der Geschichte seines Landes kombiniert. Er malt die Könige und Königinnen Portugals: „Os Reis“, Don Manuell., Don Duarte und Dona Filipa de Lencastre. Mit karikaturistischem Witz entwickelt er aus den historischen Vorlagen und den Spielkartenemblemen eine reizvolle private Ikonographie (das Spielkartenmuseum in Bielefeld sollte sich mit dem Portugiesen wegen einer Serie in Verbindung setzen). Unabhängig vom Motiv und dem amüsanten anekdotischen Zubehör erweist sich Pinheiro mit seinen Königsbildern als ein eigenwilliges und vielversprechendes Talent. Gottfried Sello