Von Edgar Snow

In einem engen Tal der kakaofarbenen Lößberge von Nord-Schensi, genau unterhalb der Großen Mauer, zwischen den grasüberwachsenen Ruinen von Pao An (was „Verteidigter Frieden“ bedeutet), einer alten Frontgarnisonstadt, die sich von ihrer Zerstörung durch die erobernden Reiter Dschingis Khans nie wieder wirklich erholt hat, bin ich Lin Piao zuerst begegnet. Das war vor dreißig Jahren, und ich war als Journalist noch „grün“. Lin Piao, schon der Veteran eines Jahrzehnts von Kämpfen, war 28 Jahre alt. Jetzt ist er Mao Tse-tungs rechte Hand (die Roten Garden würden es lieber als linke bezeichnen), der öffentlich als Maos erster Stellvertreter, als Kommandeur der Volksbefreiungsarmee und der chinesischen KP und der Roten Garden der „großen Kulturrevolution“ begrüßt wird, die zur Zeit „alle feudalen Dämonen und bürgerlichen Giftpflanzen“ vom Weltherd des Revisionismus hinwegfegt.

Wir trafen uns vor einer kleinen, in einem örtlichen Tempel aufgeschlagenen Behelfsbühne, wo Mao Tse-tung vor einigen hundert Kadetten und einigen Einsprengseln von seltsamen Hillbilly-Bauern, die sich unter freiem Himmel niedergelassen hatten, eine Rede hielt. Auf Mao folgten einige von den Tourneeschauspielern der Roten Armee vorgeführte Theaterszenen. Plötzlich wandten sich aller Augen Lin Piao zu. „Genosse Lin’. Sing uns etwas.“ Lin. errötete, verwirrt wie ein Schuljunge, und bat dann – ein Taktiker – einige Genossinnen, ihm zu helfen und für ihn zu singen. Madame Tschu En-lai tat es.

Lin war Chef der Militärakademie der Roten Armee, die in steinbewehrten, wie Festungen gebauten Höhlen hoch über dem Pao-An-Fluß einquartiert war (ehemaligen Behausungen von Landbesitzern). Hier erhielten etwa 800 Kadetten, die meisten mit Offiziersrang, und Veteranen des Langen Marsches eine „fortgeschrittene“ militärische und politische (marxistische) Ausbildung. Tschiang Kai-schek hatte einen Preis von 100 000 Dollar auf Lins Kopf gesetzt. Eines Tages besuchte Mao Tse-tung die Akademie mit mir, und Lin Piao bat mich, vor seinen Studenten im Range von Kompanieführern und höher einen Vortrag über „britisch-amerikanische Außenpolitik“ zu halten.

Das war 1936, der spanische Bürgerkrieg tobte, Japan hatte die Mandschurei erobert und war dabei, ganz China anzugreifen, die Vereinigten Staaten und Großbritannien verkauften Kriegsmaterial an Japan, und Mao Tse-tung hatte zu einer Beendigung des chinesischen Widerstands gegen Japan aufgerufen. In Pao An gab es keine Russen und keine Zeichen irgendwelcher ausländischer Hilfe. Mao hoffte unbestimmt auf etwas amerikanisches Verständnis.

Lin führte mich durch die Höhlen der Akademie und erklärte mir die neuen Rekrutierungsmethoden. Die Armee sei nicht nur für Proletarier offen, sondern für alle, „die entschlossen sind, den japanischen Imperialismus zu bekämpfen“ – ohne Rücksicht auf Klasse, Rasse, Geschlecht oder soziale Herkunft. Die Freizeit seiner Kadetten füllte er mit Sportübungen, Spielen, Tischtennis (ein Tennisball kostete so viel wie ein Gewehr) und – damals wie heute – mit dem Bestellen von Gemüsefeldern aus.

Lin Piao war einen halben Kopf kleiner als Mao und sah jungenhaft aus. Er trug eine ungeplättete Uniform aus wollenem Stoff ohnejedes Rangabzeichen – eine Praxis, die jetzt von der Volksbefreiungsarmee von drei Millionen Mann unter Lins Oberbefehl wieder eingeführt worden ist. Er hatte glatte und, abgesehen von einer für einen Chinesen zu prononcierten Nase, regelmäßige Züge. In seinem Höhlen-Hauptquartier interviewte ich Lin fast einen Tag lang. Locker und bedächtig in Haltung und Rede, wurde er am lebhaftesten, wenn er von Gefechten und Taktik sprach.