Die größte Umwälzung des Jahres, in ihren Auswirkungen auf die Zukunft noch unberechenbar, vollzog sich im kommunistischen China. Die Deutung der großen Kulturrevolution und des Phänomens der Roten Garden fällt, je nach Standpunkt des Beobachters, sehr verschieden aus. Kommentatoren in der westlichen Welt waren oft nur auf das tendenziöse Material angewiesen, das Moskau und seine Freunde verbreiteten.

Die Ereignisse in den letzten Tagen lassen den Schluß zu, daß eine der Ursachen dieser zweiten Revolution in dem Machtkampf zu suchen ist, der zwischen den möglichen Nachfolgern des Parteichefs Mao Tse-tung entbrannt ist. Eine andere Antriebskraft war die Furcht des alternden Mao, der revolutionäre Geist der Partei könnte nachlassen und die Jugend den Idialen des maoistischen Kommunismus lisierung der Millionenmassen dazu, das Volk auf einen möglichen Krieg mit Amerika und der Sowjetunion vorzubereiten. (Nach Unterlagen des japanischen Geheimdienstes stehen sich an der sibirischen Grenze 39 sowjetische und 65 chinesische Divisionen gegenüber.)

In einer Art Staatsstreich war im Sommer die kollektive Führung wieder abgeschafft worden, die Mao 1956 nach sowjetischem Vorbild eingesetzt hatte. Als einziger Parteiführer neben Mao trat nun nur noch sein alter Kampfgefährte, Verteidigungsminister Lin Piao, auf. Offensichtlich wollte Lin mit Hilfe der Rotgardisten – der jugendlichen Bilderstürmer im Alter von 14 bis 25 Jahren – die Partei von seinen Rivalen säubern.

Aber seine Gegner verstanden sich gleichfalls auf das alterprobte Mittel der chinesischen Geschichte, mit Hilfe von Privatarmeen aus den Provinzen die Zentrale in Peking unter Druck zu setzen. Alsbald bekriegten sich verschiedene Gruppen der Roten Garden. Zur Zeit kämpft die Gruppe um Mao und Lin gegen eine sogenannte bürgerlich-reaktionäre Gruppe um Staatspräsident Liu Tschao-tschi und Parteigeneralsekretär Teng Hsiao-ping, der vorgeworfen wurde, sie wolle denselben Kurs einschlagen wie Chruschtschow in der Sowjetunion.

Die Partei mußte ideologische Seilakrobatik betreiben, als Rote Garden der Studentenschaft mit Arbeitern handgemein wurden. Galt bisher die Armee als Motor der Kulturrevolution, so hat sich die Partei nunmehr wieder auf die Arbeiterklasse als führende Kraft besonnen. Mao und Lin wollen die Kulturrevolution von der Straße in die Fabriken tragen, wo anscheinend ihre Gegner Bollwerke gegen den Einfluß der Roten Garden errichten wollen.

Vorerst sind die Roten Garden zum großen Teil in die Winterquartiere abgerückt, aber sie wollen mit den Frühlingsstürmen wiederkehren. Noch vermag niemand zu sagen, wer dann von ihnen an die Spitze getragen wird.