Der Bankier seufzte tief: „Das meiste Geld habe ich in den letzten zwölf Monaten an den sogenannten feinen Papieren verloren, an Chemie- und Elektrowerten und an den VW-Aktien.“ Mit einem verzweifelten Blick auf die Kurstafel des Maklers setzte er hinzu: „Und was noch schlimmer ist, gestiegen sind solche Aktien, von denen man nach alten Anlagegrundsätzen am besten die Finger gelassen hätte!“

Der Bankier gehörte zu jenen, die sich das ganze Jahr hindurch redlich bemüht haben, das ihm anvertraute Kapital seiner Kunden zu mehren. Doch im Börsenjahr 1966 haben nicht die soliden Aktien das Rennen gemacht, sondern Papiere jener Gesellschaften, die nicht unbedingt in die Reihe der „erstklassigen“ gehören.

Zu den größten Spekulationspapieren des Jahres 1966 zählten die Aktien der Deutschen Lufthansa AG. Sie wurden zum Kurs von 100 Prozent zur Zeichnung, aufgelegt. Infolge der großen Nachfrage gab es nur ein oder zwei zum Nennwert von je 1000 Mark zugeteilt. Wer aber wollte, konnte noch vor und während der Zeichnungszeit große Posten zu Kursen von 130 bis 160 Prozent „außerbörslich“ erwerben.

Aber konnte man das wirklich wagen? Schließlich ist die Lufthansa-Aktie ein dividendenloses Papier. Doch das interessierte die internationale Spekulation nicht. Sie hatte in jener Zeit gerade die Aktien der internationalen Luftverkehrsgesellschaften entdeckt und sah in ihnen die Papiere der Zukunft. Tatsächlich kletterten die Lufthansa-Aktien im Verlaufe des Jahres bis nahe an die 300-Prozent-Grenze. Als sie zu sinken begannen, machten viele Zeichner ihre Aktien zu Geld. Gewinnspannen zwischen 100 und 200 Prozent.

Wer einigermaßen wach war, konnte an den Aktien der Deutschen Erdöl AG in diesem Jahr gleich, zweimal verdienen. Im Frühjahr sanken sie bis auf 110 Prozent. Die kritische Ertragslage der DEA, sowohl von der Öl- als auch von der Kohleseite unter Druck gesetzt, ließ einen Dividendenausfall befürchten. Wer sich nichts vormachte, konnte das Ende der Gesellschaft absehen.

Daß es so weit nicht kommen durfte, lag auf der Hand, die DEA an einen starken internationalen Konzern anzulehnen. Es kam zu einer der erregendsten Börsenspekulationen der Nachkriegsgeschichte, weil bis zum Schluß nicht feststand, wer bei der DEA zu welchem Preis zum Zuge kommen würde. Als schließlich fest stand, daß es die Texaco war, die ein Umtauschangebot machte, notierte die DEA-Aktie wieder nahe an 200 Prozent. Wer richtig lag, konnte fast 100 Prozent verdienen.

Dann fiel der DEA-Kurs wieder auf nahe 150 Prozent zurück. Auf dieser Basis stiegen jene Leute ein, die das neue Aktienrecht genau studiert und daraus die Schlußfolgerung gezogen hatten, daß es zu einem Beherrschungsvertrag zwischen Texaco und DEA kommen müsse und daß dann ein neues Abfindungsangebot fällig werden würde. Wieder jagten sich die Dementis und Vermutungen, aber wer sich nicht beirren ließ, kann heute seine DEA-Aktien zu 212 Prozent abstoßen. Spekulationsgewinn rund 40 Prozent.