Das Jahr 1966 hat uns nun zum guten Schluß einen neuen Kanzler, vorher aber eine handfeste Krise beschert, die das innenpolitische Gebäude dieses Staates arg ins Wanken gebracht hat. Zwar hielt das Gemäuer, aber es wurden viele Risse sichtbar. Was wunder, daß die Frage auftauchte, wer schuld habe an diesem ärgerlichen Stabilitätsmangel.

Ein hoher Beamter in Bonn, der Staatssekretär im Bundespräsidialamt, hat dieser Tage in der „Politisch-Sozialen Korrespondenz“ dargetan, wo nach seiner Meinung das Übel zu suchen sei: „Ein überbordender Progressismus, der sich marxistischen Vorstellungen annähert und in der politischen Realität unter dem Schlagwort totaler Freiheit die Geschäfte des totalitären Kommunismus besorgt, greift die Autorität in ihrer Wurzel an.“

Über diesen Satz ließe sich wohl besser diskutieren, wenn er nicht so voller Klischees steckte. Dr. Hans Berger, als integrer Staatsdiener geschätzt, bedauert, daß die Bundesrepublik „noch nicht jenes Staatsgefühl und damit jene Selbstsicherheit erzeugt hat, die das Kennzeichen der großen angelsächsischen Demokratie ist“.

Dies Bedauern ist sicher gerechtfertigt. Aber wie konnte Selbstsicherheit in einem Staat entstehen, der dem Torso der Nation einen doch nur temporären Rahmen gibt? Wie konnte das Gefühl für unseren Staat so schnell wieder gedeihen, wo sich doch jener Staat, der vorher war, dem Gedächtnis der Bürger als ein verbrecherischer Zwangsverband eingebrannt hatte?

Der neue Staat durfte nicht auf geschwinde Liebe hoffen, und selbst Achtung war von Anbeginn keine Selbstverständlichkeit. Gereizte Empfindlichkeit gegenüber jeder Art von Staatsautorität und die Neigung zu scharfer, oft gnadenloser Kritik an den Staatsbeamten war der innenpolitische Tribut, den wir Deutschen für ein historisches Versagen zu zahlen hatten.

Staatssekretär Berger freilich sieht das ein wenig anders: „Der Mangel an Staatsgefühl liegt nicht nur in den geschichtlichen Erfahrungen unserer jüngsten Vergangenheit und in der Zweiteilung der Nation begründet, sondern ist die Folge einer fortwährenden Abwertung unserer Tradition durch die Massenmedien und eine Schicht von Intellektuellen, die sich in der Zerstörung von Werten gefallen.“

Zerstörung von Werten – das klingt doch recht fatal an jene destruktive Kritik an, wie sie im Staat des Dritten Reiches den Intellektuellen – damals vornehmlich den „jüdischen Intellektuellen“ – angekreidet wurde.