Von Nina Grunenberg

Dortmund

Das Bild, das sich auf den Anklagebänken im Dortmunder Dominas-Prozeß bietet, ist grotesk: Da sitzt der Hauptangeklagte, schwer bewacht und albern grinsend, sobald die Rede vom „faszinierenden Dominas“ ist. Da fläzen sich, stupide glotzend, die schweren Jungs aus der Balk-Familie, deren ältester, Gerhard, seine Laufbahn als Hühnerdieb begann und neun Jahre Zuchthaus hinter sich hat, deren jüngster, der „arme Harry“, mit 24 Jahren kaum lesen und schreiben kann. Da kokettiert ihre Schwester Betty, geborene Balk, geschiedene Russ, in der Rolle der Räuberbraut, und da hockt Lucie, die Frau eines Balk-Bruders, Serviererin und unbescholten bis sie dumm genug war, die Diamantenbeute der Bande aus dem Amsterdam-Raub im Büstenhalter über die holländische Grenze zu schmuggeln.

Und mitten unter diesem Gelichter, dem die Staatsanwaltschaft 75 Straftaten „mit wechselnder Beteiligung“ vorwirft, darunter einen Doppelmord, sechs Mordversuche und Raubzüge mit einer Beute im Werte von 1,25 Millionen Mark – sitzt in der beherrschten Haltung einer Königin-Mutter jene Frau, die als „rätselhafteste Figur“ im Dominas-Prozeß bezeichnet wird: Die ehemalige Rechtsanwältin und Notarin Anna Maria Kreuzer aus Essen.

Sie ist angeklagt wegen des dringenden Verdachts der Beihilfe zum Mord, der Beihilfe zum versuchten Mord in mehreren Fällen und der Beihilfe zum schweren Diebstahl. Sie war es, die dem Dominas zwei Pistolen besorgte, mit denen er auf seinen Raubzügen um sich schoß, mehrere Leute verletzte und zwei alte Menschen tötete. Sie war es, die sich von Dominas Schmuck aus seinen Raubzügen schenken ließ, eine Pelzjacke und eine Krokodilleder-Handtasche. Und zuletzt hatte sie auch dem letzten Raubzug ihres Freundes und Klienten Dominas in Amsterdam von einem Café aus zugesehen. Was hatte sie bewogen? Wie war die angesehene Rechtsanwältin in diese Katastrophe geraten? Handelte sie dabei „aus einem durch Übung entwickelten Hange“, wie die Sachverständige Dr. Adelheid Sandmann in ihrem Gutachten wissen wollte?

Das Urteil von Gutachterin Sandmann über die Psyche von Frau Kreuzer: In fast schon lächerlicher Weise beschwor es alle gängigen Witzblattvorstellungen über zwischenweibliche Verhaltensweisen und ließ nur eines klar erkennen: Die beiden konnten sich nicht leiden. Adelheid Sandmann war anscheinend keine bußfertige Sünderin entgegengetreten, sondern eher das Gegenteil: Eine verschlossene, für sie undurchsichtige 58jährige Frau, die schnell aggressiv wurde, ihre Motive nicht enthüllen wollte und auf die Frage, was sie sich denn gedacht habe, als sie dem vielfach vorbestraften Dominas die Pistolen gab, „zynisch und kalt“ erwiderte: „Daß Dominas keine Spatzen damit schießen wollte, war mir bekannt.“ Das moralisierende Gutachten gipfelte in der Vermutung, Anna Maria Kreuzer habe eine kriminelle Persönlichkeitsstruktur.

Die zierliche Frau auf der Anklagebank, die durch eine sorgfältig gekämmte Hochfrisur größer scheint, die ihre Fingernägel silbern lackt, und deren Augen in dem scharf geschnittenen Gesicht mit dem leicht zurückziehenden Kinn durch getönte Gläser geschützt sind – hatte anscheinend schon vor der Katastrophe bei anderen Frauen Antipathien geweckt. Eine, die sie aus dem Essener Gericht kennt, schildert sie als unfreundlich, „frech und unbeliebt“. Zum Beweis hält eine indezente Äußerung her, die Frau Kreuzer einmal als Strafverteidigerin von sich gegeben haben soll – zu guter Letzt ist alles recht, um eine Frau zu erklären, die selbst kaum in der Lage ist, die Gründe und Motive für ihr katastrophales Verhalten so klar zu schildern, wie es die Richter gern hören möchten. „Wenn die Dinge abc gelaufen sind“, meint der Vorsitzende, „dann wird man sie auch ab: sagen können.“ Aber auch jetzt beteuert Anna Maria Kreuzer mit leicht räsonierender, brüchiger Stimme: „Ich weiß es selbst nicht, ich kann es wirklich nicht sagen.“