Bonn, im Dezember

Vier Personen, die hinter dem Eisernen Vorhang in Haft saßen, wurden einen Tag vor Weihnachten – „im Rahmen einer Gesamtaktion“, wie es im Kommuniqué der Bundesregierung heißt – gegen den Landesverräter Frenzel ausgetauscht: die Redakteurin der „Frankfurter Rundschau“, Martina Kischke, und drei namentlich nicht genannte Häftlinge aus der DDR, die dort wegen angeblicher Agententätigkeit zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden waren.

Martina Kischke war im letzten August in der Sowjetunion unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet worden. Sie war mit einem Touristenvisum nach Alma Ata gereist, um den Ingenieur Boris Petrenko zu heiraten. Daß sie sich ausgerechnet diese Gelegenheit ausgesucht haben sollte, um kurz vor der Hochzeit sich und ihren Bräutigam durch Spionagetätigkeit in Gefahr zu bringen, noch dazu für ein Land, das sie ja verlassen wollte, ist unwahrscheinlich. Aber es gehört zu den Gepflogenheiten solcher Austauschaktionen, daß man über Fehler der Ermittlungsbehörden schweigt.

Die drei Häftlinge aus der DDR machten sich offenbar jener „Agententätigkeit“ schuldig, deren Strafbarkeit dort erfunden worden ist, wo man die höheren Orts nicht erwünschte Meinung nicht aussprechen und schon gar nicht schreiben darf.

Frenzel hingegen hat militärische Geheimnisse verraten, deren Preisgabe in allen Ländern diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs streng geahndet wird. Kenntnis von diesen Geheimnissen erhielt er als Bundestagsabgeordneter des Verteidigungsausschusses, was ihn zu besonders strenger Geheimhaltung verpflichtete.

In die Fänge des tschechischen Geheimdienstes geriet Frenzel, nachdem er vor Gericht eine falsche eidesstattliche Aussage über seine Vergangenheit als Emigrant gemacht hatte. Der Meineid sollte seine politische Karriere retten. Der tschechische Geheimdienst jedoch besaß die Unterlagen über Frenzeis damalige Tätigkeit und drohte ihm, er werde dafür sorgen, daß Frenzel in ein Meineidsverfahren verwickelt werde, falls er nicht die gewünschten militärischen Auskünfte geben würde.

Wegen Landesverrat wurde Frenzel zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er sechs verbüßt hat. Er steht nun im 68. Lebensjahr und ist krank. Inzwischen nahm er wieder die tschechische Staatsangehörigkeit an, die er schon besessen hatte, bevor er aus der von Hitler bedrohten Tschechoslowakei emigrierte. Später kam er nach Deutschland und wurde, wie schon in seiner böhmischen Heimat, wieder Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. R. S.