Von Wolfgang Wünsche

In diesen Tagen wurde wieder „abgestimmt“. Die Sportpresse kürte die Besten der Besten des Jahres. Ein munteres, mehr subjektives Spiel mit Zahlen, Erfolgen, Glanz und Popularität. Mehr ist es nicht. Das Spielchen erinnert ein wenig an den Jugendwitz: Was ist schwerer, ein Pfund Federn oder ein Pfund Blei. Auffallend viele Leichtathleten findet man Jahr für Jahr in diesen Listen, aber erstaunlich wenig Fußballer, sonst doch die angehimmelten Götter in den Stadien.

Das ist leicht zu erklären: Die Läufer, Springer und Werfer stürzen Rekorde. Man kann sich förmlich an ihren Zahlen festhalten, orientieren. Kann man das wirklich? Kann man einen Weltrekord im Zehnkampf mit einem 200-m-Weltrekord vergleichen? Kaum, ein Weltrekord ist ein Weltrekord. Wer war nun der „beste“ Sportler des Jahres in der Welt?

Als 1964 die beiden amerikanischen Sprint-Olympiasieger von Tokio, Bob Hayes (100 m in 10,0) und Henry Carr (200 m in 20,3) auf dem Höhepunkt ihrer Karriere abtraten und schnell entschlossen fette Profiverträge als Football-Spieler unterzeichneten, da hinterließen sie eine Lücke. Wer sollte sie wohl schließen? So gab es 1965 keinen neuen, funkelnden Sprinterstar. Eines Tages wurde jedoch der lange Neger Tommie Smith entdeckt. Steil führte sein Weg nach oben, wie das bei Sprintern so üblich ist. Heute ist der junge Student Smith der schnellste Mann der Welt.

In diesem Sommer lief er 220 Yards (201 m) auf einer geraden Bahn in 19,5 Sekunden. Das entspricht einem Stundenmittel von 37,143 km. Smith hätte den legendären Jesse Owens (1936 in Berlin vier Goldmedaillen) um acht Meter geschlagen. Smith feilschte nicht mit Zehntelsekunden, er verbesserte den Weltrekord gleich um eine halbe Sekunde. Mit 1,91 m hat er Gardemaß, aber seine überlangen Beine entsprechen einem Hünen von 2,05 m Körpergröße. Spötter sagen, Smith bestehe nur aus Beinen. Sie allein garantieren noch keine Weltrekorde. Gelobt werden bei Smith der total entspannte Lauf, seine außergewöhnliche Schrittlänge (2,70 m!), sein spielend leichter Stil und seine verblüffende Endgeschwindigkeit.

Jeder Sprinter läßt gegen Ende der Strecke, meist schon auf der Hälfte der Distanz, im Tempo sichtlich nach. Der relativ langsame Starter Smith kommt erst nach 120 m richtig auf Touren. Seine Stärke ist daher der längere Sprint. Es lag also nahe, daß der angehende Lehrer vom San José State College einen Versuch über 400 m wagen würde. Das Experiment glückte auf Anhieb. Smith lief wiederholt unter 46 Sekunden und schlug auch den derzeit weitbesten 400-m-Läufer, den Trinidad-Neger Mottley, überzeugend in 45,3 Sekunden. Amerikas Sprinterstar hatte überdies entscheidenden Anteil an dem neuen Fabelweltrekord der amerikanischen 4 X 400-m-Staffel. In diesem Quartett, das zum ersten Male unter der Dreiminutengrenze blieb (Schnitt 44,9), war Smith mit phantastischen gestoppten 43,8 Sekunden weitaus der schnellste. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der schlanke Tommie den 400-m-Weltrekord, den unter anderem der Deutsche Carl Kaufmann mit 44,9 hält, stürzen wird. So nebenbei sprang Smith auch noch 7,90 m weit, lief 100 m in 10,1 und ist auch Inhaber des 200-m-Weltrekordes mit voller Kurve (20,0).

Sein Geheimnis? Talent, Trainingsfleiß, Zielstrebigkeit. Welcher Sprinter läuft wie Smith im Herbst und Winter fast täglich 15 Kilometer und geht dann im Frühjahr zu energischen Tempoläufen bis zu 600 m über? Er arbeitet hart und geht im Kurzstreckentraining neue Wege. Erst im Frühsommer trainiert der Weltrekordsprinter dann wesentlich kürzer, schneller, spritziger. An der harten Trainingsarbeit kommt auch Smith nicht vorbei. Auch im Sprint genügt Talent allein zum Erfolg nicht mehr.