Emil Staiger, der Zürcher Professor für neuere deutsche Literatur, ist, um nur diesen Teil seiner Verdienste zu nennen, verantwortlich für eine vorbildliche Goetheausgabe. Er hat, in einem dreibändigen Werk, so gründlich, so verständlich und so nobel über diesen Paradedichter der Deutschen geschrieben wie sonst keiner, und seine dreibändige Gedichtauswahl zeugt von einer Sensibilität und einem Kenntnisreichtum, die den Leser glücklich und betroffen machen.

Eher betroffen als glücklich ist man jedoch, wenn man aus Zürich von Staigers jüngsten Äußerungen zur Literatur hört.

Am 17. Dezember wurde ihm der Literaturpreis der Stadt Zürich verliehen. Seine bei der Preisübergabe im Zürcher Schauspielhaus gehaltene Rede über „Literatur und Öffentlichkeit“ kann man in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 21. Dezember nachlesen.

Unter der Devise, er wolle einmal die Sache „der breitesten Öffentlichkeit“ verfechten, entfaltet Staiger im Windschatten von mächtigen Horaz- und Schillerzitaten seine ganze Eloquenz, um mit der modernen Literatur ins Gericht zu gehen. Da spricht er von der heute über die ganze westliche Welt verbreiteten „Legion von Dichtern, deren Lebensberuf es ist, im Scheußlichen und Gemeinen zu wühlen“. Da rät und warnt er: „Man gehe die Gegenstände der neueren Romane und Bühnenstücke durch. Sie wimmeln von Psychopathen, von gemeingefährlichen Existenzen, von Scheußlichkeiten großen Stils und ausgeklügelten Perfidien. Sie spielen in lichtscheuen Räumen und beweisen in allem, was niederträchtig ist, blühende Einbildungskraft... Wenn solche Dichter behaupten, die Kloake sei ein Bild der wahren Welt, Zuhälter, Dirnen und Säufer Repräsentanten der wahren, ungeschminkten Menschheit, so frage ich: In welchen Kreisen verkehren sie?“

Max Frisch, literarisch verantwortlich für Psychopathen wie Stiller und Gantenbein, hat seinem Landsmann in der „Weltwoche“ in einem offenen Brief geantwortet, der so respektvoll wie ironisch, so nachsichtig wie streng, so freundschaftlich wie unnachgiebig ist.

Der ganzen Legion von Dichtern hatte Staiger mit allumfassender Adresse die Leviten gelesen und dabei, außer einer Anspielung auf Peter Weiss („ein bekannter Dramatiker, der Auschwitz auf die Bühne bringt“), keinen einzigen Namen genannt.

Max Frisch spielt, durch so viel Anonymität provoziert, eine stattliche Liste von Namen durch („Hältst du beispielsweise Heinrich Böll für einen jener heutigen Schriftsteller, deren Lebensberuf es ist, im Scheußlichen zu wühlen? Hast du bei Grass nur die Schweinigeleien gelesen? Ist Martin Walser so unkomplex wie deine flinke Allround-Formel? Ist Günter Eich ein Pornograph?“) und kommt zu dem Ergebnis, daß das Staigersche Einheitslottergewand niemandem so recht passen will.