Die Eskalation des Krieges in Vietnam wurde im verflossenen Jahr von beiden Seiten weitergetrieben. Präsident Johnson verstärkte das amerikanische Expeditionskorps in Südvietnam um weitere 200 000 auf über 370 000 Mann, schickte die Fernbomber vom Typ B 52 zu Einsätzen über Nordvietnam und Laos und intensivierte die Luftoffensive gegen Industrieanlagen und Verkehrsverbindungen in Nordvietnam.

General Giap, der Sieger von Dien Bien Phu, ließ seine Eliteregimenter durch die entmilitarisierte Zone am 17. Breitengrad nach Südvietnam marschieren. Zehntausende chinesischer Kulis halfen den Nordvietnamesen bei der Reparatur der Bombenschäden. Die Sowjetunion lieferte neue MIG-Jäger, Flugabwehrraketen, radargelenkte Flak und große Mengen an Lkw’s, Munition und Erdöl.

Trotz des verstärkten Engagements der USA griffen weder die Sowjets noch die Chinesen direkt in den Krieg ein. Präsident Johnson vermied es, sie unmittelbar zu reizen: Weder ließ er die dicht stehenden Flakstellungen am Roten Fluß oder die MIG-Flugplätze durch Flächenbombardements vernichten noch den Hafen von Haiphong blockieren, über den das meiste sowjetische Kriegsmaterial eingeführt wird.

Nordvietnam erhielt zwar mehrmals Freiwillige von den Ostblockstaaten angeboten, schlug aber diese Hilfe jedes Mal aus, da es anscheinend nicht den chinesischen Millionenheeren die Pforten öffnen wollte. Moskau und Peking beschuldigten sich währenddessen gegenseitig, eine wirksame Unterstützung der Vietnamesen zu verhindern und mit den Amerikanern unter einer Decke zu stecken.

Die amerikanische Taktik des „Suchens und Vernichtens“ hat den regulären Einheiten des Vietcong und den Divisionen aus Nordvietnam schwere Verluste zugefügt. Wöchentlich sollen etwa 1000 Vietcongs gefallen sein. Trotz ihrer Luftüberlegenheit konnten die Amerikaner aber nicht verhindern, daß monatlich etwa 7000 bis 8000 Soldaten aus Nordvietnam in den Süden einsickerten (nach anderen Schätzungen 4000). Immer noch werden zumindest bei Nacht 80 Prozent der Bevölkerung politisch vom Vietcong beherrscht.

Im nächsten Jahr wollen die Amerikaner den Krieg auch politisch gewinnen, den sie militärisch nicht mehr verlieren können. Die Kriegführung soll nur noch Sache der US-Truppen sein, während die südvietnamesische Armee das gesäuberte Land befriedigen und „die Herzen und Seelen“ der Bauern für den Westen gewinnen soll.

Der Luftkrieg, dem an jedem Tag unschuldige Bauern, Frauen und Kinder zum Opfer fallen, droht dieses Konzept freilich zu entwerten. (Nach einer inoffiziellen Schätzung sind in diesem Krieg bisher etwa eine Viertelmillion Kinder umgekommen; amtlich wird zugegeben, daß mindestens 4000 Zivilisten im Monat in Südvietnam getötet oder verwundet werden.)

Auch in Nordvietnam hat der Luftkrieg die Zivilbevölkerung nicht verschont. Ein Redakteur der „New York Times“, dem die Einreise nach Nordvietnam erlaubt wurde, berichtete dieser Tage aus Nam Dinh, der drittgrößten Stadt des Landes, dort seien seit Juni 1965 89 Menschen getötet, 405 verwundet und die Wohnungen von 12 000 Menschen zerstört worden.