Die Beziehungen der Menschen unserer Zeit sind unklar. Das Theater muß also eine Form finden, diese Unklarheit in möglichst klassischer Form, das heißt in epischer Ruhe darzustellen.

Bertolt Brecht

Heimito von Doderer

Am 23. Dezember starb, siebzigjährig, Heimito von Doderer in einem Wiener Krankenhaus. Todesursache: Kehlkopfkrebs. Sein Werk muß noch entdeckt werden. Zwar hat er einen treuen Kreis von Lesern und Freunden. Aber es ist ein enger Kreis. Zwar wurde er in Wien geehrt und gefeiert wie kein anderer Schriftsteller. Aber von der Entdeckung österreichischer Literatur durch die junge Generation, bei der vor allem Musil und Broch neue Leser gewannen, blieb er ausgeschlossen. Seine beiden großen Romane, „Die Dämonen“ und „Die Strudlhofstiege“, wurden in der literarischen Diskussion selten genannt, noch seltener wurden sie gelesen. Und sein ambitiöser Versuch, die Welt von heute in einer allumfassenden Romankomposition in vier sinfonischen Sätzen darzustellen (der erste „Satz“ erschien 1963 unter dem Titel „Die Wasserfälle von Slunj“), ist nun Fragment geblieben. Die Zeichen deuten darauf hin, daß auch für ihn ein für Schriftsteller wenig erfreuliches Lebensgesetz gilt: Erst nach ihrem Tode wirkt das Werk, unverstellt.

Selbstkritik

Dieser Tage erschien in der Moskauer Literaturnaja gaseta ein Artikel, der kritisch das geistige Klima und die politische Entwicklung der Bundesrepublik nach den letzten hessischen Landtagswahlen beschrieb. Der Artikel, der für uns nicht eben schmeichelhaft ist, stammte vom „westdeutschen Publizisten“ Horst Krüger und trug die Überschrift „Noch ohne Hakenkreuz“. Es ist gegen die Veröffentlichung viel weniger einzuwenden, daß die originale Arbeit gekürzt wurde, als vielmehr der Umstand, daß es sich um die Übersetzung eines Artikels handelt, der im Original in der Bundesrepublik bereits veröffentlicht worden war: Er stand – ohne die Spitzmarke „Revanchistische Erscheinungen ...“ – in der ZEIT Nr. 47/1966. Dabei ist nicht die ZEIT von besonderer Wichtigkeit, sondern die Tatsache, daß zwar, laut Krügers Hinweisen, manches bei uns im argen liegt, daß es mit uns andererseits noch nicht ganz schlimm bestellt ist: Wir können uns Selbstkritik leisten, das heißt drucken. Das freilich vergaß die Literaturnaja gaseta zu erwähnen.

Wo blieb Pasternaks Geld?