FÜR alle, die glauben, daß der Mord an Verbrechern das Verbrechen ausrotten könne, und für die, denen in der Unterhaltung mit ihrem Taxifahrer keine Argumente mehr einfallen – Cesare Beccaria: „Über Verbrechen und Strafen“, nach der Ausgabe von 1766 übersetzt und herausgegeben von Wilhelm Alff; Sammlung insel 22, Insel Verlag, Frankfurt; 176 S., 6,– DM.

ES ENTHÄLT Beccarias 1764 in Livorno zum erstenmal und anonym erschienene Schrift „Dei delitti e delle pene“, die 1766 auf den Index kam; dazu eine ausführliche und gute Einleitung in Beccarias Leben und Denken.

ES GEFÄLLT als ein Zeugnis für den humanen Geist, der die Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts bewegte. Der Mailänder Beccaria, später ein musterhafter und durchaus unauffälliger Beamter des aufgeklärten österreichischen Absolutismus, lieferte mit dieser auch literarisch bedeutsamen Schrift ein Jugendwerk, das in der gesamten zivilisierten Welt begeisterte Zustimmung erhielt: Die große Katharina wollte den Autor an ihren Hof ziehen, die Enzyklopädisten luden ihn nach Paris ein, Voltaire kommentierte ihn, Jefferson schrieb ihn in seinem Lesetagebuch ab; das Werk wurde ins Französische, Deutsche, Polnische, Englische und Spanische übertragen. Wer allerdings hofft, die Reflexionen über Verbrechen und Strafen seien angereichert durch Greuelgeschichten aus der Rechtspraxis der Zeit – hinlänglich bekannt aus der zeitgenössischen Literatur –, der sieht sich enttäuscht. Für den hohen Grad an Objektivität, der Beccarias Schrift auszeichnet, war solche Zurückhaltung eher förderlich, auch wenn dadurch manchmal kalt und unmenschlich klingt, was der eigentliche moralische Fortschritt der Aufklärung war: daß der Mensch nicht nur in der Lage sei, die eigenen Schmerzen zu empfinden, sondern auch die, die er anderen zufüge. „Es scheint mir widersinnig, daß die Gesetze, die der Ausdruck des öffentlichen Willens sind und die Tötung eines Menschen ablehnen und bestrafen, selber sie vornehmen und, am die Bürger vom Mord abzuhalten, einen öffentlichen Mord anordnen.“ H. S.