Dienstag, 17. Januar, 21.00 Uhr, 1. Programm: "Ein Tag" von Gunther R. Lys

Die Grenzen zwischen Poesie und Dokumentation, zwischen historischem Beleg und imaginärer Notiz, zwischen dem Fund und dem Erfundenen haben längst aufgehört, Grenzen zu sein. Kluges "Schlachtbeschreibung", Kipphardts "Oppenheimer" und Weissens "Ermittlung" stehen stellvertretend für viele Tatsachen-Interpretationen poetischer Art, für illustrative Traktate und Szenen-Kollegs – für Gunther R. Lys Bericht aus einem deutschen Konzentrationslager zum Beispiel, der unter dem Titel Ein Tag vom deutschen Fernsehen – hoffentlich nicht zum letzten Male – wiederholt worden ist. Kogons Report gewinnt hier Anschauungskraft, Privates erhält Modell-Charakter, das Einzelschicksal erweist sich als typisch.

Gleich weit entfernt vom schematischen Dokumentieren und peinlich-persönlicher Illustration, greift der Bericht eine Reihe von Szenen heraus, Appell und Gesang, Mord und Konspiration, die so lang sind, daß ein Allgemeines, individuell gespiegelt, anschaulich wird – und so kurz, daß die Gefahr psychologisierender Ausmalung gar nicht erst auftaucht. Im gleichen Augenblick, da der Zuschauer sich mit einer Figur (dem Anwalt Katz, dem erfahrenen Buchenwald-Häftling oder dem versteckten Juden-Jungen) zu identifizieren beginnt, blendet Regisseur Monk aus und zeigt einen neuen Aspekt.

Der Tag, um den es geht, der 12. Januar 1939, ist ein beliebiger Tag, es könnte auch ein anderer sein, aber dieser beliebige Tag gewinnt für den Betrachter, das ist der Kunstgriff, deshalb seine besonderen Konturen, weil er das Alltägliche aus der Perspektive von Ankommenden, aus der Sichtweise einer Schar von Häftlingen sieht, denen alles so fremd, so grotesk und so grauenhaft wie ihm selber vor dem Bildschirm ist: Im gleichen Maße, wie die Gefangenen einsichtig werden und die Maschinerie zu durchschauen beginnen, die Folterarten, den Kampf zwischen Kriminellen und Politischen, die Mentalität der Vollstreckungsbeamten, das Mißtrauen und die Solidarität – im gleichen Maße gewinnt auch der Betrachter an Einsicht.

An diesem Punkt stellt sich ein zweites Mal das Problem einer gar zu privaten Identifikation, eines Sich-Einlebens in die Denkweise der Zentralfigur etwa, des von Hartmut Reck gespielten Genossen. Diese Gefahr sentimentaler Akklamation aber wird von den Autoren dadurch gebannt, daß sie an charakteristischen Stellen historisches Material einschießen lassen, einen Neujahrsempfang beim Führer der Deutschen, einen Nuntius am Mikrophon, einen Ballettabend, eine jubelnde Menge, um auf diese Weise dem Betrachter neben den Aufrechten und neben den Henkern eine dritte Gruppe (seine, des Betrachters, Gruppe) zu zeigen – die anständigen Leute also, die Rechtschaffenen, die doch nur das Beste wollten (wie sie behaupten) und dadurch mithalfen, daß die Welt sich in Gut und Böse zerteilte.

Erst die Einführung dieses Flucht- und Bezugspunkts machte die (streng und ringkompositorisch durchgeführte) Parabel zu einer Geschichte, die in der Gegenwart spielt, zu einem Lehrstück, das nicht lehrhaft ist, einem Modell, dessen Kalkül sich nicht aufdrängt, einem Passionsspiel, das, statt Rührung zu erregen, an den Verstand appelliert, einem Bericht, der von einem ebenso kunstverständigen und klugen wie politisch erfahrenen Team ausgearbeitet wurde.

Auch der Kameramann war vortrefflich: die hellen Mäntel im Zentrum der bugartig aufgestellten Ankömmlinge, die tanzenden Füße, der vorausfliegende Schatten des Lagerleiters, die Rasur des Kommandanten vor dem Hintergrund der Häftlingsschur...

An diesem Report, einer distanzierten Dokumentation von Evidenz und spiritueller Durchsichtigkeit, stimmt jedes Detail. Er ist nicht besser zu machen. Momos