Wilson hat sein Wahlversprechen erfüllt. Das britische Unterhaus hat in der vergangenen Woche mit einer Mehrheit von 306 gegen 220 Stimmen die Verstaatlichung der großen Stahlkonzerne des Landes beschlossen.

Das ist die zweite Verstaatlichung, die die britische Stahlindustrie über sich ergehen lassen muß. 1949 hatte die damalige Labourregierung unter Attlee die erste Verstaatlichung im Parlament durchgesetzt. Von dem steel-act wurden 92 Unternehmen mit 200 Tochtergesellschaften betroffen. Die damaligen Besitzer mußten ihre Aktien an den Staat übertragen. Dafür wurden ihnen Staatsanleihen ausgehändigt.

Der Stichtag hierfür war der 15. Februar 1951 – fünfeinhalb Jahre nach dem Regierungsantritt der Labour Party. Acht Monate später fanden Neuwahlen statt, und die Konservativen übernahmen wieder die Regierung. Als erste Amtshandlung stoppten sie den weiteren Ausbau der staatlichen Stahl Verwaltung. 1953 wurde ein neuer steel-act erlassen und die Reprivatisierung der Stahlindustrie verfügt.

Für die Aktien der United Steel, die zuerst dem Publikum zum Kauf angeboten wurden, erhielt die Regierung 394 Millionen Pfund. Die Labourregierung hatte für die Verstaatlichung dieses Unternehmens 252 Millionen Pfund ausgegeben. Weitere 150 Millionen Pfund hatte sie für Investitionen bereitgestellt.

Die neue Verstaatlichung wird den Staat 500 Millionen Pfund (etwa 5,5 Milliarden Mark) kosten. An der Spitze des neuen Staatskonzerns wird eine staatliche Holdinggesellschaft stehen. Sie soll die einzelnen Unternehmen überwachen und für eine stärkere Konzentration der Stahlproduktion sorgen. Alle Forschungsvorhaben, Produktion und Absatz sollen von dieser Holding gesteuert werden. Der neue Staatskonzern wird etwa 90 Prozent des englischen Stahlmarktes beherrschen.

Die Stahlindustrie Großbritanniens hat 1965 rund 27,4 Millionen Tonnen Stahl erzeugt. (USA 122 Millionen Tonnen, Bundesrepublik 36,8 Millionen Tonnen.) Im vergangenen Jahr erreichte die englische Stahlproduktion nur 24,3 Millionen Tonnen. Damit waren die Kapazitäten nur zu 79 Prozent ausgelastet. Die Gewinne waren bei den meisten britischen Stahlwerken stark rückläufig. mj