Verschlungen sind die Pfade eines Managerlebens, und nicht immer krümmt sich früh, was später einmal ein Haken werden soll. Dr. Karl Barich, Vorstandsvorsitzer der Stahlwerke Südwestfalen AG und zugleich einer der Senioren der deutschen Stahlindustrie, ist in seiner Managerkarriere ein ausgesprochener „Spätentwickler“. Sein beruflicher Weg ist fast ebenso bewegt wie die Vergangenheit des Unternehmens, das er seit mehr als zwanzig Jahren souverän leitet, und vielleicht sogar ebenso – unvermutet – erfolgreich.

Sicher gibt es nicht viele Industriebosse, die gradlinig, gewissermaßen von Kindesbeinen an, ihren Weg in die Kommandozentralen ihrer Betriebe gegangen sind. Aber ganz sicher sind die Anfänge, auf die der heute 65jährige Siegerländer Stahlchef zurückblickt, nicht nur in der Montanindustrie ohne Beispiel. Daß ein Lehrer, ein Volksschullehrer noch dazu, die höchsten Sprossen erklimmt, die auf der Stufenleiter der vom Primat der Techniker lebenden Stahlindustrie zu vergeben sind, ist selbst in einer Zeit, die für ausgefallene Karrieren gewisse Voraussetzungen bietet, ungewöhnlich. „Ich habe dreimal meinen Beruf gewechselt“, erzählt der Geisweider Firmenchef im leichten Plauderton mit dem unverkennbar westfälischen Akzent. Und dieser Wechsel, der nie ganz freiwillig war, weist ihn zugleich als einen Mann aus, der sich an Realitäten orientiert und aus jeder neuen Situation gleich eine bessere zu machen wußte.

Als sich für den Landwirtssohn Karl Barich, der als eines von sechs Kindern in Dortmund-Kirchderne aufwuchs, zum erstenmal die Frage der Berufswahl stellte, war die erste Etappe seines Weges gewissermaßen vorbestimmt. In der streng protestantischen Familie war es so üblich, daß einer der Söhne – der Hof war nur klein und hatte nicht für alle Platz – Pastor, Tierarzt oder Lehrer wurde. Sohn Karl optierte für den Lehrer, wählte damit aber zugleich das Schicksal eines Arbeitslosen. Als er 1922 das Lehrerexamen bestanden hatte, gab es keinen Bedarf an Junglehrern und für ihn keine Stellung. In abendlichen Fortbildungskursen rüstete er sich spontan um auf Bürokarriere. Aber die Möglichkeit, sich mit 1000,– Mark von Vater Staat für die nicht gebotenen Lehrerchancen abfinden zu lassen, ließ höhere Pläne reifen.

Karl Barich studierte Betriebswirtschaft und kam damit dem Metier seiner reiferen Mannesjahre zweifellos schon wesentlich näher. Aber am Anfang stand für den jungen Diplomkaufmann wiederum die Erfahrung, nicht ganz aufs richtige Pferd gesetzt zu haben. Auch die Wirtschaft hatte keine Verwendung für den Mann, der zwei Jahrzehnte später darangehen sollte, aus einem Sammelsurium von entflochtenen Werken verschiedener Montankonzerne ein veritables Edelstahlunternehmen zusammenzubauen. Zunächst einmal aber hatte seine industrielle Stunde noch nicht geschlagen; das eben absolvierte Studium war für Karl Barich, der über keinerlei „Beziehungen“ verfügte, eine im wahrsten Sinne des Wortes brotlose Kunst.

Aber als just um diese Zeit die Städte darangingen, Handelsschulen zu errichten, modifizierte-Karl Barich nochmals sein persönliches Berufsbild. Zum Diplomkaufmann gesellte sich der Diplomhandelslehrer, und als Berufs- und Handelsschullehrer stand Barich nunmehr elf Jahre hinter dem Katheder. Er tat das gern, und eine pädagogische Ader ist ihm offenbar bis heute eigen. Mit leicht wehmütigem Humor erwähnt der Geisweider Firmenchef, daß er stets bekannte Gesichter um sich hat, wenn die Spitzengremien der Branche sich versammeln; „mit Ausnahme der Deutschen Edelstahlwerke habe ich so gut wie alle Edelstahlunternehmen der Bundesrepublik mit Vorstandsmitgliedern versorgt“. Lehrer ist er also geblieben, wenn auch kein Beamter. Denn diese Karriere ging 1937, wiederum vorzeitig, zu Ende.

Als Mitglied einer „staatsgefährdenden Loge“ galt Barich – der darüber höchst ungern spricht, „weil das heute alle sagen“ – als politisch unzuverlässig und durfte kein Beamter mehr sein. Diesmal wird der fällige Tapetenwechsel allerdings das ideale Sprungbrett für den Spät-Manager. Der unerwünschte Beamte wird – als Angestellter – Preisprüfer im Regierungsbezirk Arnsberg, ein Glück jedoch für ihn, daß er diesen Job nur vier Jahre lang ausgeübt hat. Denn zweifellos wäre er damit nach dem Kriege wieder „brotlos“ gewesen.

Als Sachverständiger für Preisfragen bei Eisen und Stahl kommt der inzwischen gute Mittdreißiger zum erstenmal in direkten Kontakt mit der Stahlindustrie. 1941 zieht er als Prokurist in die Hauptverwaltung der Geisweider Eisenwerke AG ein. Er hat sein endgültiges Domizil erreicht und wechselt von nun ab nur noch die Etagen und – allerdings ohne sein Zutun – den Eigentümer dieses Hauses.

Noch während des Krieges kam Barich in den Vorstand des Unternehmens, das eine der Hauptstützen für die spätere Stahlwerke Südwestfalen AG war. Das Kriegsende erlebte er als alleiniges Vorstandsmitglied des Geisweider Werkes, dessen Rechtsnachfolger noch heute den Vorzug spüren lassen, gerade in den ersten schweren Nachkriegsjahren einen unverbrauchten und vor allem unbelasteten Mann an der Spitze gehabt zu haben.

Nur wenige Wochen nach dem verlorenen Kriege hat Barich – woran andere Konzerne noch längst nicht denken konnten – das erste Permit der Militärregierung zur Auswalzung von Blechen in der Hand. Noch im gleichen Jahr steht der erste Siemens-Martin-Ofen in Geisweid wieder unter Feuer, und im Juli 1946 erhält der rührige Mann – der Verhandlungen nicht mit der taktischen Eleganz eines Generalstäblers, aber mit Bauernschläue und nicht zu unterschätzendem Mutterwitz für sich zu entscheiden weiß – bereits die Produktionserlaubnis für Stabstahl und Blankstahl.

Diese Erfolge waren eklatant, und es war plötzlich keine Überraschung mehr, daß die sonst sehr auf sich haltenden Ruhrbosse einen revierfernen Siegerländer, noch dazu eigentlich einen unbekannten Mann, an die Spitze ihrer Branchenvertretung nach Düsseldorf holten. Der ehemalige Berufsschullehrer wurde der erste Nachkriegsvorsitzende der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl. „Es gab sonst keinen, der politisch unbelastet war“, kommentiert er selbst diese Wahl, die vielleicht noch nicht damals, aber ein paar Jahre später ganz sicher eine absolute Selbstverständlichkeit gewesen wäre.

Denn Karl Barich, dem die große Pose ebenso fremd ist wie die großen Worte, der dafür aber die Solidität eines verläßlichen Partners ausstrahlt, war spät, aber nachdrücklich ein Mann der Stahlindustrie geworden. Der Respekt seiner Kollegen wuchs ihm zu, sogar noch ehe er seine eigentliche, höchst erfolgreiche Leistungsbilanz vorlegen konnte. Barich hatte bereits das uneingeschränkte Vertrauen der Top-Manager von der Ruhr, als er Ende 1949 von den alliierten Siegern als einer der 11 Stahltreuhänder berufen wurde, um nach der Entflechtung die sogenannte Neuordnung der deutschen Stahlindustrie zu betreiben.

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, daß Karl Barich auf diese Weise selbst zu den Geburtshelfern der Stahlwerke Südwestfalen AG gehörte, die jahrelang als „schwieriges Kind“ abgestempelt war. Noch als seinerzeit die ersten Gerüchte durchsickerten, daß sich das Haus Flick für das Geisweider Unternehmen interessierte, hieß es dazu bezeichnenderweise in der Düsseldorfer Konzernzentrale der Flick KG – wenn auch aus dem Munde eines Mannes, der dafür bekannt ist, daß sein rheinisches Temperament ihm gelegentlich Formulierungen eingibt, die zwar vieles, aber nur selten die Wahrheit für sich haben – daß Flick nicht daran denke, den „müden Laden“ zu erwerben.

Aber was es mit dem „müden Laden“ auf sich hatte, konnte Unternehmenschef Karl Barich überzeugend beweisen. Aus dem bunt zusammengewürfelten Qualitätsstahl-Unternehmen, das als einziges der Branche aus drei Konzernen, nämlich aus Werken der früheren Vereinigten Stahlwerke, der Klöckner-Gruppe und des Hoesch-Konzerns entstanden ist, wurde eines der führenden Unternehmen der europäischen Edelstahlindustrie. Der Umsatz hat sich etwa vervierfacht. „Auf Edelstahl zu setzen, gebot uns nicht nur die revierferne Lage.“

Daß dieser Weg sehr zielstrebig beschritten wurde, zeigt, gerade in diesen Tagen die Haltung der Stahlwerke Südwestfalen, die es nicht mehr nötig haben, einem der geplanten Walzstahlkontore beizutreten, weil der Massenstahlanteil am Produktionsprogramm verschwindend klein geworden ist. Dennoch hat Barich betont vorsichtig, aber offensichtlich sehr wirkungsvoll investiert. „Wir haben immer nur das gebaut, was wir beschäftigen konnten; unausgenutzte Kapazitäten hat es bei uns nicht gegeben“, sagt der Siegerländer Boß, für den das Geschäft – vielleicht deswegen? – nie so nervenraubend war, das dem begeisterten Weidmann nicht die nötige Muße für die Jagd im waldreichen Siegerland geblieben wäre.

Es ist längst kein Geheimnis mehr, daß Südwestfalen zu den – wenigen – lukrativen Stahlerzeugern der Bundesrepublik gehört; die fast schon branchenüblich gewordenen „roten Zahlen“ gibt es in Barichs Büchern nicht. Südwestfalen habe heute eine Größenordnung und eine Unternehmensstruktur – so lautet das stolze Fazit des Geisweiders –, „die uns nicht zwingen müßte, Zusammenschlüsse mit größeren Gruppen zu suchen ...“

Es ist offenbar wirklich eine große Gabe dieses Mannes, aus der Not eine Tugend zu machen. Denn tatsächlich hat Karl Barich im Laufe seines Managerlebens eine ganze Galerie von Groß- und Mehrheitsaktionären kennen und – mit dem Interesse, das die Sturheit des westfälischen Bauernsohnes nicht verleugnet – zu nehmen gelernt. Aber es gehörte wiederum zu den Besonderheiten dieses Unternehmens, daß es zwar ein begehrtes Objekt der großen Spekulanten war – Klöckner, Hoesch, die Opriba, die Allianz, das Münchener Bankhaus Merck, Finck & Co. und nicht zuletzt Friedrich Flick waren und sind die „Brötchengeber“ Karl Barichs –, dem sich aber kein ernsthafter Interessent, der einen attraktiven Konzernverbund zu bieten hatte, genähert hat.

Das wurde eigentlich auch nicht anders, als in Geisweid Anfang 1960 die Ära Flick begann, das heißt als Friedrich Flick sich neben dem bisherigen Paketbesitzer Merck, Finck & Co. als Mehrheitsaktionär decouvrierte. Von einer unternehmenspolitischen Einbeziehung des Edelstahlunternehmens in die Flick-Gruppe kann keine Rede sein; die Flick KG übe lediglich „normale Aufsichtsratsfunktionen“ aus. Der Südwestfalenchef sieht den alten Friedrich Flick – „ich schätze ihn sehr“ – höchstens ein- bis zweimal im Jahr. „Wir sind praktisch ein konzernfreies Unternehmen geblieben und haben beispielsweise mit der (zum Flick-Bereich gehörenden) Daimler-Benz AG erheblich geringere Umsätze als mit anderen Automobilwerken“, heißt es mehr konstatierend als bedauernd, und vorerst klingt es eher zwischen den Zeilen heraus, daß die Selbstverantwortung eines freien Fürsten auch Nachteile haben kann.

Aber in Träumereien verliert sich der nüchterne Kaufmann nicht. Vielleicht sind das Probleme, die sein Sohn einmal zu lösen haben wird, der von seinem Vater mit Vorbedacht und dem durch eigene Erfahrungen gesetzten Maßstab für die Fortsetzung der Ära Barich im Geisweider Konzern vorbereitet wurde. Aber noch drücken den „alten“ Barich seine Jahre nicht. Und plötzlich sitzt in jenem geräumigen, sachlich-freundlichen Generaldirektorenzimmer der Geisweider Konzernzentrale wieder der Lehrer, der seinem Lieblingsschüler voller Stolz das Abiturzeugnis überreicht: „Wenn man das Unternehmen so aus seinen schwierigen Anfängen sich hat entwickeln sehen, dann hängt auch das Herz mit dran; sonst wäre ich wohl mit fünfundsechzig in Pension gegangen.“ Ingrid Neumann