Auf einem roten Teppich betrat als erster Außenminister aus dem Ostblock der Rumäne Corneliu Manescu am Montag den Boden der Bundesrepublik Deutschland. Bei Suppe Lady Curzon, Seezungenröllchen, Kalbsrücken Gärtnerin und Mosel- und Rheinweinen wurden sich der welterfahrene Diplomat aus Bukarest und sein gleichaltriger Gastgeber Willy Brandt schnell einig: Mehr als zwanzig Jahre nach Kriegsende ist das Verhältnis zwischen Deutschland und dem einstigen Achsenpartner Rumänien wieder normal. Fortan wird dieses Balkanland nicht mehr nur in Ostberlin, sondern auch in Bonn durch einen Botschafter vertreten sein.

Störmanöver Ulbrichts und Stirnrunzeln in Moskau hatten die eigenwilligen Rumänen nicht mehr davon abhalten können, der Regierung Kiesinger/Brandt diesen diplomatischen Anfangserfolg zu gewähren. Der weltgewandte Manescu – er soll im Herbst Präsident der UN-Vollversammlung werden – hat nie verhehlt, daß er mit allen Staaten, ungeachtet ideologischer Differenzen, gut Freund sein will, auch mit Peking und Bonn.

Ähnlich lautet auch das Konzept Willy Brandts: "Wir werden frei von Illusionen und Vorurteilen versuchen, das unseren Kontinent Trennende zu überwinden." Vor dem Europarat in Straßburg versicherte er vorige Woche, seine Regierung wolle diese Entspannungspolitik nicht mit Vorbedingungen belasten.

Der Brückenschlag nach Rumänien wurde seit anderthalb Jahren vorbereitet. Im letzten September hatte Wirtschaftsminister Schmücker bei einem Besuch in Rumänien endgültig das Eis gebrochen. Hier war es der Bundesregierung freilich leichtgemacht, weil die beiden Staaten keine störenden Grenzprobleme haben und sich die Regierung in Bukarest innerhalb des Ostblocks eine Sonderstellung erkämpft hat.

Angefangen hatte die neue Ostpolitik viel weiter nördlich, in Warschau. Bundesaußenminister Schröder konnte, gegen harten Widerstand aus den eigenen Reihen der CDU/CSU, durch die Entsendung von Handelsmissionen das Terrain aufbereiten:

  • im März 1963 in Warschau
  • im Oktober in Bukarest
  • im November in Budapest
  • im März 1964 in Sofia

Der nächste Ostblockstaat, der mit Bonn diplomatische Beziehungen aufnehmen wird, ist wahrscheinlich Ungarn. Bei den Budapester Gesprächen Staatssekretär Lahrs in der vorigen Woche wurden der Bundesrepublik "keine unzumutbaren Bedingungen" gestellt. Bereits nächste Woche will die ungarische Führungsspitze eine Vorentscheidung fällen. Nicht ungünstig ist das Klima in Sofia und Prag.