Th. U., München

Er trug glitzernde Ringe an den Fingern, die Kollegen nannten ihn "Brillanten-Schneider". Aber Karl Schneider war kein kollegialer Typ. Denen, die um ihn waren, begegnete er barsch und verschlossen. Sich selbst gönnte er nichts: trockene Brötchen, etwas Kaffee, Suppe – so (und selbstredend einsam) fristete er das Leben. Jetzt ist er tot.

Karl Schneider schlief im Obdachlosenasyl, und tagsüber bettelte er. Als er starb, da stellte es sich heraus: Karl Schneider war ein reicher Mann. Die Brillanten an seinen Fingern, die man für Similisteine gehalten hatte, waren echte Brillanten. Nicht genug damit, der Lumpenmann war zwar nicht einer von den blinden Bettlern, die im Rolls Royce zum Arbeitsplatz chauffieren. Aber er hinterließ doch immerhin zwölftausend bare Deutsche Mark.

Soweit die immer einmal wiederkehrende Geschichte vom armen reichen Bettler. In Wirklichkeit hat die Geschichte aber einen Sprung. Denn Bettelmann Schneider war ein Bürger und rechtschaffender Geizkragen zugleich. Als er mit einer verschleppten Lungenentzündung im Asyl zusammenbrach, weigerte er sich, ins Krankenhaus zu gehen. Am nächsten Tag suchte ihn Freund Hein. Er fand ihn "bei der Arbeit". Das Geld aber, das man bei ihm fand, und das viele Geld, das auf der Bank lag, das war nicht erbettelt, das stammte – vom Vater Staat. Eine Rentennachzahlung, über zehntausend Mark, brachte er zur Bank. Seitdem bekam er 319,70 Mark Rente im Monat. Die eigentliche Pointe aber lieferte der "Brillanten-Schneider" mit dem weißen Backenbart erst, als es aus war mit seinem 87jährigen Leben: Er hinterläßt keine Erben, nur ein schönes Stück Geld. Und das geht nun wieder dahin, wo es hergekommen ist – zu Vater Staat.