Wer will die Wirkung des Wortes, seine Verantwortlichkeit im Geschehen der Geschichte messen? „Der Sieg ist wirklich ganz nahe“ – wieviele Brückenpfeiler mag dieses Wort noch gesprengt haben, wie viele Panzerfäuste in Anschlag gebracht, wie viele weiße Fahnen mag es heruntergerissen haben – und: wie viele Menschen mögen für dieses Wort bezahlt haben, Gefallene, Aufgehängte?

Es geht hier nicht, mit aller Deutlichkeit sei es gesagt, um die Frage, ob dieser Fernau ein Nazi war oder nicht. Es geht nicht darum, einem heute Erfolgreichen nachzuweisen, daß er früher auf dem falschen Fuß Hurra geschrien hat (oder geschrieben). Es geht um etwas ganz anderes, und etwas sehr Ernstes: um die moralische Legitimation des Schreibenden.

Ein halbes Jahr später – da wußten wir in der Tat mehr, der Krieg war endgültig zu Ende. Und wir überlebten. Die Frage, die uns seither nicht mehr losgelassen hat und die das Motiv dieses Aufsatzes ist, lautet: Wie wird einer fertig damit, daß er lügt und verführt und betrügt mit der Sprache, daß er Verantwortung und furchtbare Folgen auf sich lädt, daß er merkt, wie grauenhaft Irrtum und Täuschung, von ihm ausgestreut, aufgegangen sind – und dann, wenn alles vorbei ist, einfach weitermacht? Nicht „weitermacht“ mit dem Leben, das ist Menschenart, und so müssen wir wohl sein. Nein, weitermacht mit dem Wort, mit der Bestandsaufnahme, mit der Deutung, mit der Belehrung, mit der Sorge um Deutschland. Schreibt, als habe er nie anders geschrieben, richtet und glossiert und kommentiert die Geschichte seines Volkes mit dem Anspruch des Wissenden – er, der den schändlichsten Durchhalteartikel dieses Krieges geschrieben und mit ihm seine Gläubigen vor die Panzer und Maschinenpistolen getrieben hat.

Ist es denn nicht so, daß die schauderhafteste Fehldiagnose, die je ein Zeitungsberichterstatter geliefert hat, ihm definitiv die Approbation entzieht? „Der Sieg ist wirklich ganz nahe“ – wer das diesem Volke im August 1944 versprach, ist entweder ein Schwachkopf von unvorstellbarem Format – oder aber ein infernalischer Lügner. Das eine wie das andere – zwingt es nicht dazu, das Handwerk des Schreibens zu lassen, die Kunst der Prophetie aufzugeben, vor der Geschichtsdeutung zu kapitulieren, das eigne Volk mit Bestandsaufnahmen künftig zu verschonen?

Es zwingt offenbar nicht; und da liegt ein großes Wunder. Aber Leute wie Fernau stehen ja mit dem Wunder, man sah es, auf gutem Fuß. Wie liest es sich nach Tische? In „Deutschland, Deutschland über alles...“, Seite 259, skizziert der Geschichtsdeuter Fernau jene Situation, die wenige Jahre zuvor der Kriegsberichter Fernau mit Hilfe seiner schlichten Bildsprache so „haargenau“ getroffen hatte:

„Hitler glaubte noch in letzter Minute eine völlige Umstellung der Waffen und Kriegsführung herbeiführen zu können. Deutschland war im Besitz phantastischer Erfindungen, die sehr wohl imstande schienen, eine vollständige Wendung zu bringen. Die heutigen modernen Waffen der Sieger beruhen darauf. Aber die Zeit reichte bei weitem nicht mehr aus. Die Alliierten waren in Frankreich gelandet. Es war zu spät.“

So einfach ist das also. Eine Sache der Distanz. Der Distanz von acht Jahren.

Es wird schwer halten, ein paar Zeilen zu finden, die auf so knappem Raum ein derart miserables Deutsch („Umstellung der Kriegsführung herbeiführen“, „vollständige Wendung bringen“) so zwanglos verbinden mit Geschichtsfälschung und Lüge (die Bombe, die über Hiroshima fiel, „beruhte“ nicht auf den „phantastischen Erfindungen“ der Deutschen; und nicht Hitler „glaubte in letzter Minute“, sondern allenfalls Fernau, Hitler war damals längst unzurechnungsfähig), und diese wiederum verbinden mit der Manifestation einer politischen Gesinnung, die mit keinem Nebensatz auch nur andeutet, daß Hitlers Sieg die noch furchtbarere Niederlage gewesen wäre. „Es war zu spät.“

Da versteht man dann auch den Vorspruch: „Dieses Buch wurde in Liebe zu Deutschland und Sorge um Europa geschrieben.“

In der Tat, man spürt Liebe und Sorge. So heißt es auf Seite 33, wo von Heinrich I. und den Ungarn die Rede ist: Heinrich hätte ja auch „der Vater des deutschen Pazifismus werden können. Dagegen Fernau: „Ich gestehe, ich würde heute nur ungern mit mongolischen Schlitzaugen herumlaufen. Denn unabhängig von allen frommen Wünschen Heinrichs lauerten im Osten die unendlichen Horden aus Asien, und im Südosten rafften sich die Ungarn mordend und plündernd zum letzten, entscheidenden Schlag auf.“

Gut gebrüllt, in wenigen Zeilen werden sie alle fertig gemacht: der deutsche Pazifismus, die mongolischen Schlitzaugen, die asiatischen Horden, die mordenden und plündernden Ungarn. Und so geht es fort – man weiß nicht, wo man anfangen soll, wo aufhören mit dem Zitieren. Ein Konglomerat von Unbildung, Instinktlosigkeit, Unwissenheit und schamloser, sich zierlich tarnender Beeinflussung des Lesers zugunsten dessen, was dem Autor die Liebe zu Deutschland und die Sorge um Europa eingibt. Und all dies witzelnd und eilfertig zusammengebraut.

Auch „Disteln für Hagen“, des Autors jüngstes Werk, ist seinem Vaterlande gewidmet. Dabei sind, wie bereits der erste Satz des Buches preisgibt, die Fernaus „Hugenotten des 16. Jahrhunderts“ und stammen, wer hätte das gedacht, aus Megevette in Hochsavoyen. Joachim aber, in Bromberg geboren, wanderte 1919 nach Worms. Und ängstet uns mit der düstern Bemerkung: „Jetzt warte ich auf die Bartholomäusnacht.“ So kann man’s im einleitenden „Rondo“ lesen. Aber er wartet, soviel man weiß, nicht in Deutschland auf diese Nacht. Und überhaupt gehört er wohl nicht dem Typ an, der Opfer solcher Nächte ist.

Alte Dichtung neu nachzuerzählen ist eine erprobte Sache und kann eine gute Sache sein. Dem Nibelungenlied ist das Verfahren nicht unvertraut. Seiner Bewältigung sind mannigfache Methoden dienlich, man kann bewahren und erneuern, die Patina des Alten und Fremden erhalten oder sie eben tilgen wollen: zugunsten jedes dieser Wege läßt sich manches vorbringen.

Man kann nur eines nicht: das Nibelungenlied hernehmen, es nach seinem eigenen (in diesem Falle übrigens schauderhaften) Geschmack ummodeln – und dann behaupten, man habe seines Volkes Seele darin gefunden und wiedergegeben. Ohnehin ist die These, man könne in einer Dichtung ein Volk und gar seine „Seele“ registriert finden, blanker Unsinn – so blank, daß man sie gar nicht zu widerlegen braucht.

Das Nibelungenlied ist eine großartige Dichtung, von dunkler Gewalt erfüllt und heller Zartheit, überdies in seiner Poesie durch die Kraft des Symbols und der Geste immer wieder bestrickend – und wenn einer weiß, was „deutsch“ ist, wird er auch viel „Deutsches“ in ihm wiederfinden, wie im „Parzifal“ oder im „Simplizissimus“ oder in der „Iphigenie“ oder im „Homburg“ oder im „Grünen Heinrich“ oder im „Krull“ oder in Oskar Matzerath – die Welt ist bunt und mit ihr das Deutsche und seine Seele.

Sinnlos der Versuch, als Germanist über diese Nacherzählung zu urteilen, das Buch besteht aus Fehlern, Mißverständnissen, Verbiegungen. Fernau kann kein Mittelhochdeutsch (das doch dienlich wäre angesichts des Versuchs, ein mittelhochdeutsches Epos neu zu erzählen), kein Zitat stimmt, er weiß nicht, wo Sachsen liegt, er kennt die Forschung nicht, weiß nichts von der Entstehung dieses Monstrums, hält sich an einen verantwortlichen „Dichter“, den er sich erfindet – kurzum: einem Germanisten fällt dazu nichts ein, so ganz und gar falsch ist alles.

Fernau freilich würde einwenden, er habe ja auch nicht für Germanisten geschrieben – und überhaupt läßt er den Leser nicht im Zweifel darüber, daß er von ihnen nicht viel hält, den Germanisten (was ihn immerhin mit manchem Autor der ZEIT verbindet).

Der Einwand trifft nicht: Wer ein Dichtwerk als solches für eine These benutzt, muß sich seiner auch wissenschaftlich bemächtigt haben. Was daraus wird, bleibt seine Sache. Wo jedoch Urteil auf Urteil folgt, Richtspruch auf Richtspruch und Deutung auf Deutung, kann der Initialakt der sachlichen Bemächtigung nicht wohl entbehrt werden. Fernau verzichtet auf ihn, und so wäre das Ganze denn nichts als eine alberne Belanglosigkeit – wenn es die Leute nicht läsen. Was aber erfahren sie auf diese Weise von ihrer Seele?

Die Zutaten zu diesem„Kuchen“ seien „schrecklich“ (das Bild stammt nicht vom Nibelungendichter, sondern verdankt sich seinem Nacherzähler). „Schreckliche Zutaten, es ist wahr. Und unbeschreiblich schöne. Mit einem Bein in der Hölle, mit dem anderen auf der vorletzten Stufe zum Himmel; zur Himmelstür, hinter der wir schon Gott sprechen hören können.“ Und, Finale: „Der Herr der Welt will uns wiedererkennen, wie er uns gemeint hat.“ Sollte einen bei solchem Aufruf nicht die Angst packen, die Angst vor der Bartholomäusnacht?

Es lohnt nicht, ist man versucht zu denken. Aber die beiden Fragen lassen einen nicht los: Wie einer es macht, 1944 so zu schreiben; und dann weiterzuschreiben. Darauf finden wir die Antwort nicht. Bleibt die zweite Frage: Wie macht er es, daß so viele ihn lesen?

Wir deuteten es schon an: Geschichte als Sujet geht dem deutschen Leser nahe; und das mit Grund. Aber das Geheimnis liegt nicht im Sujet, sondern in der Art, wie es hier aufbereitet wird. Im Stil, in der Methode – aber diese Termini sind zu gut. Es liegt an der Mache, an der Masche.

Betrachtet man lediglich Fernaus Technik des Darstellens (vom Geiste war die Rede schon), so nimmt sich die Masche sehr einfach aus. Sie heißt: anachronistisch erzählen! Ständig den Schalk im Nacken haben, ihm die Rolle der Muse zuteilen, immer witzig, immer fesch, immer Worte finden, schicke Worte, smarte Worte, schnoddrige Worte, Slang, Gosse, sportlich, und die Prise technischen Vokabulars nicht vergessen: Man ahnt nicht, wie nichtendenwollendes Gelächter sich ausbreitet, wenn das zusammenprallt, die alten Gestalten aus dem Teutoburger Wald oder aus Mykene oder aus Worms mit den Requisiten unserer Moderne, da perlt der Frohsinn, jauchzt ein jedes Leserherz.

Will man solche These beweisen, so stellt sich Fernau als Glücksfall heraus. Man wird nicht so leicht einen Autor finden, der mit Hilfe kommentarloser Wiedergabe dessen, was er schreibt, so endgültig demaskiert wird. Sein Lachen gibt ihn wahrlich der Lächerlichkeit preis. Ich greife in die Seiten und verzichte auf Seitenangaben. Aus dem Deutschland-über-alles-Buch: „Das alte Oetkersche Backrezept Ottos des Großen“; „der junge Bengel Heinrich IV. soff und fraß und hurte und entwickelte sich zu einem weinerlichen Charakterschwein“; zu Friedrich dem Großen: „Wenn es eine Weltrangliste an Popularität gäbe, so stünde er bestimmt gleich hinter Greta Garbo und Brigitte Bardot an dritter Stelle, daran ist gar nicht zu zweifeln“; und nicht wie Otto Gebühr habe man ihn sich vorzustellen, sondern in„ Wahrheit hatten seine Züge viel mehr Ähnlichkeit mit Theo hingen (wer versteht denn dies abgeschmackte Zeug überhaupt? da zeigt sich, daß Fernau Jahrgang 1910 ist); auch Martin Luther erinnert unsern Autor ans Kino: Heinrich George, der Schauspieler, hätte ihn gut darstellen können“; und Luther weckt Deutschland auf: „Dornröschen erwachte. Es war wie im Märchen: Ein Kuß hatte das fertiggebracht, kein Scheckbuch und keine Seite Speck. Solche komischen Leute sind wir Deutschen“; wenn Otto III. nach Italien zieht, dann geht er „in die ‚Hauptstadt der Bewegung‘“ – wer will diesen feinsinnigen Scherz nicht belächeln! Sein Großvater aber, Otto I., „liegt im Dom zu Magdeburg begraben, wo er nun nichts weiter zu tun hatte, als sich dauernd im Grabe umzudrehen“.

Aus den „Disteln“ (man merke, wie Fernau die eignen Titel zartsinnig zueinander in Beziehung setzt: die „Disteln für Hagen“ kontrapungieren die „Rosen für Apoll“): Gernot begab sich „geistig nach Bad Godesberg“; und wieder erweist sich Fernau als der Meister des Vergleichs, als den wir ihn ja schon kennengelernt haben: Siegfried kämpft, und wie „ein Multimix quirlte“ das Schwert in seiner Faust; als er aber die Tarnkappe umwirft, da zeigt Fernau dem Nibelungendichter einmal, was deutscher Humor ist. Denn: „schade, daß der Nibelungendichter so humorlos ist und nicht beschreibt, wie Siegfried als Schloßgespenst umhergeht, die fremden Ritter anstößt, und wie sie sich verdutzt nach der unsichtbaren Ursache umsehen“ – in der Tat, das wäre eine Szene von köstlichem Humor, wie er sie anstößt, und sie sehen sich verdutzt um und ahnen einfach nicht, wer das nun war! – Kriemhild geht unter die Leute: „Mit Herzklopfen betrat sie den Saal, wo zwei Dutzend Soldaten in KdF-Stimmung sie gespannt anstarrten“ – wie einem doch die Vergangenheit zur lieben Gewohnheit wird, Soldaten, Kameraden, KdF... Fernaus Bild vom Helden: „es gibt kein Zwischending. Ein Held ersinnt entweder Bomben oder Gartenzwerge“; und wieder diese köstlichen Verfremdungen: „Man warf also die Pferdekräfte nochmals an“, und gleich zu Beginn schon gestikulierten die Knechte Siegfried und seine Reiter „in die Parklücken zwischen den Lindenbäumen“; Hagen: „gesund, ohne Zahnschmerz und Rheumatismus, was ja die Voraussetzung für Unternehmungsgeist ist. Zu denken, daß eine Fistel die Nibelungen gerettet hätte!“ Geht es noch platter? Es geht noch platter, Fernau macht’s möglich. König Gunther: „Er ist ein angenehmer Chef; jeder Abteilungsleiter, jede Sekretärin, jeder Angestellte, jede Stenotypistin würde ihn ruhig, ausgeglichen, menschlich nennen. Nie knallt er den Telephonhörer hin, nie diktiert er nach 17 Uhr“; weiter: „Steht der Kirche nahe. Herr von Brentano, der es wissen mußte (nicht der bedeutende, der andere), hätte von ihm in Wir-Form gesprochen: ‚Wir honorigen Herren...‘“. Hier erweist der Autor einmal mehr seine Begabung, das Komische mit dem Taktvollen unmerklich zu verquicken (und überdies stimmt der Satz auch logisch nicht). So aber geht es fort, Seite um Seite, blödelnd, witzelnd, geschwätzig, fade, abgeschmackt, dumm – wer denn mag das lesen?

Die Zitate sind aus dem Zusammenhang gerissen? Jedes Zitat ist aus dem Zusammenhang gerissen, das ist sein Wesen. Aber gerade in unserem Falle kann das kein Risiko sein: Fernaus Geschichtspostillen bestehen aus Sätzen wie diesen.

Wer mag das lesen – das bleibt die Frage. 10. Auflage, 140. Tausend, 190. Tausend – wahrlich ein Erfolgsautor. Und es will uns scheinen, als hätten wir damit einen Zipfel der deutschen Seele in der Hand – einen größern als mit dem Nibelungenlied Fassung Fernau: unser Publikum mag das! Ja, es bildet geradezu eine Gemeinde, einen Kreis, wie er sich auch früher wohl schon um deutsche Dichter scharte. Anders vermag man sich’s nicht zu erklären, warum der Verfasser seine Leser immer und ständig direkt anredet: „meine Freunde“, und „meine Lieben“. Die deutsche Leser-Seele mag das, so muß man schließen.