Von Ben Witter

Heinrich Feldkamp ist seit Kriegsende Gasableser und wohnt in der Hein-Hoyer-Straße 23 I. Am 11. 4. 1966 betrat er die Wohnung von Frau F. in der Seilerstraße 9a. Während er den Zählerstand ablas, drehte Frau F. den Schlüssel um und kniete vor der Gasuhr nieder. "Der liebe Gott zahlt gleich die Rechnung", sagte sie und zog Feldkamp am Ärmel. Er nahm seine Mütze ab, kniete auch nieder und machte die Rechnung fertig. Als nach zehn Minuten jemand die Treppe heraufkam, sagte Feldkamp: "Das wird er sein", öffnete leise die Tür und entfernte sich auf Zehenspitzen.

Er ging zu einem Gastwirt am "Hamburger Berg". Feldkamp sagte: "Sie brauchen kein Licht zu machen. Die Gasuhr finde ich im Dunkeln." Der Fußboden war aber an einer Stelle morsch geworden. Feldkamp stürzte in den Keller. Der Wirt leuchtete sofort mit einer Taschenlampe hinterher. Feldkamp kniete auf einem Zementhaufen.und hielt seine Mütze fest.

Im Bäckerbreitergang war er einen Tag zuvor in einem Keller eingeschlossen worden, weil ihn die Hauswartsfrau für einen Dieb hielt, der heimlich durch die angelehnte Tür geschlüpft war. Feldkamp rüttelte an der Tür und rief: "Lassen Sie mich raus. Ich bin der Gasmann." Das kann natürlich jeder sagen, überlegte er und rief "Hallo".

In diesem Augenblick mußte er an seinen letzten Besuch im Altonaer Krankenhaus denken. Er vertrat einen Kollegen, und die Gasuhr sollte in der Pathologie sein. Feldkamp fragte sich, warum etwas, das fast so klingt wie Chirurgie, im Keller liegen konnte, und rief "Hallo". Daraufhin kamen zwei Pfleger mit einer Bahre, auf der ein großer Mann lag, von dem er nur den nackten Bauch sah. Der Keller, in dem er nun stand, war gekachelt; an der einen Wand lehnten zwei Pritschen.

Da hörte Feldkamp die Sirene eines Peterwagens, die Tür wurde aufgeschlossen, und zwei Polizisten stürzten ihm mit vorgehaltener Pistole entgegen. Feldkamp ließ die Taschenlampe fallen; wie leicht hätten die Polizisten sie mit einer Pistole verwechseln können.

Heinrich Feldkamp hält St. Pauli für den Stadtteil Hamburgs, der die meisten Gasheizungen hat. Etwa 50 000 Zähler stehen unter seiner Kontrolle. Er legt jeden Tag im Durchschnitt 15 Kilometer zu Fuß zurück, ohne daß er abnimmt. 190 Pfund wiegt er und dürfte eigentlich kein Bier mehr trinken. Die Gastwirte schenken ihm jedoch immer ein Glas ein. Und in einer Wohnung ist bestimmt jeden Tag ein Fest. Plätzchen ißt er lieber als Torten, und falls gerade jemand gestorben ist, vergißt er meistens, seine Mütze wieder mitzunehmen, und klingelt nachher auch nicht, sondern klopft.