Im Werk von Chagall bedeuten Bella und Witebsk zwei Leitmotive, das eine ebenso real und ebenso metaphorisch wie das andere. Beide Motive treten isoliert oder gemeinsam auf, sie sind vertauschbar und in gewissem Sinne identisch, beide sind synonym für den Bereich, den Chagall zwar in der Wirklichkeit, nicht aber als Künstler verlassen hat: Heimat und Herkunft, das russisch-jüdische Erbe.

Das erste Bella-Porträt hat Chagall 1909 gemalt, "meine Braut mit schwarzen Handschuhen". Bella war vierzehn, sie hatten sich im gleichen Jahr in Witebsk kennengelernt. Chagall hat in "Ma vie" darüber geschrieben: "Es ist, als ob sie mich schon lange gekannt hätte, als ob sie alles wüßte über meine Kindheit, meine Gegenwart, meine Zukunft; als ob sie mich durchschaute, mein Innerstes erriete, wenn ich sie auch zum ersten Male sehe. Ich fühlte, das hier ist meine Frau." 1915 haben sie geheiratet, Bella hatte in Moskau ihr Diplom für Literaturwissenschaft und Philosophie bekommen. 1922 gingen sie nach Paris. 1941 mußten sie zum zweitenmal emigrieren, nach Amerika. 1944 ist Bella Chagall in New York gestorben.

Bevor sie Frankreich verließen, hat Bella Chagall zwei Bücher geschrieben, in Jiddisch, der Sprache, die man bei ihr zu Hause in Witebsk gesprochen hat. Das erste ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen –

Bella Chagall: "Brennende Lichter", mit 39 Zeichnungen von Marc Chagall; Rowohlt Verlag, Reinbek; 230 Seiten, 19,80 DM.

Es sind die Lichter, die an den Feiertagen angezündet werden – die jüdischen Feste werden ausführlich beschrieben. Witebsk ist der Schauplatz, ist ihr und Marc Chagall gemeinsames Erbe. "Ich breite meinen Anteil an der Erbschaft aus, und sogleich atme ich die Gerüche unseres alten Hauses, höre den Lärm in unserem Geschäft, die Melodien, die der Rabbiner an den Feiertagen sang. Aus jedem Winkel kommt ein Schatten auf mich zu, berührt mich, zieht mich in einen Reigen mit anderen Schatten. Sie umringen mich, streifen meine Schultern, fassen meine Hände, meine Füße, fallen über mich her wie ein summender Fliegenschwarm an einem heißen Sommertag."

Als ich die ersten Seiten las, dachte ich, Bella habe diesen eigentümlich singenden Ton, die bilderreiche Sprache, die Vorliebe für das plötzliche Stakkato, für den raschen Tempowechsel von Chagall übernommen. Aber das ist ein Irrtum, sogar ein doppelter Irrtum. Bella hat sich nicht der Sprache angeglichen, in der Chagall seine Autobiographie geschrieben hat. Beide sprechen vielmehr die gleiche Sprache, sie haben die gleiche Herkunft, das gleiche Erbe. Im Rahmen dieser Gemeinsamkeit sind aber auch die Unterschiede nicht zu übersehen. Bella erzählt sachlicher, weniger exaltiert, weniger phantastisch. In ihrer Witebsker Chronik werden die Schatten zu handfesten Figuren, sie bleiben auf der Erde, während sie bei Chagall luftige Kapriolen schlagen. Bella bietet gewissermaßen den realen Unterbau für Chagalls Traumstadt.

Chagall hat die "Brennenden Lichter" mit 39 Zeichnungen illustriert, die das Buch für Kunstfreunde noch attraktiver machen. Die Blätter darf man mit Recht als eine Hommage à Bella betrachten, weil sie sich, anders als die Illustrationen zu Chagalls Autobiographie, der realistischen Gangart der Erzählerin anpassen. Chagall selber wird in den "Brennenden Lichtern" noch nicht erwähnt. Das zweite Buch von Bella Chagall, das hoffentlich bald in Deutschland erscheinen wird, heißt "Erste Begegnung".

Gottfried Sello