Von K. H. Kramberg

Fenchel (französisch fenouil, englisch: fennel, lateinisch: foeniculum officinale) ist eine der Familie der Doldengewächse zugehörige, übrigens gelb, nicht etwa blau blühende Pflanze, die schon den alten Griechen und Römern bekannt war. In seinem Vaterland, dem südlichen Europa, bauen sie den Fenchel nicht nur als Gemüse und zu medizinischen Zwecken (er hilft, heißt es, gegen Husten, Blähungen und einige andere Übel), sondern vorzüglich seines Samens wegen an, aus welchem man ein ätherisches Öl von starkem Aroma preßt, das besonders in der Likörfabrikation mannigfache Verwendung findet.

Allzu oft hat sich mir bei der Lektüre von

Raymond Queneau: "Die blauen Blumen" (Originaltitel: "Les fleurs bleues"), Roman, aus dem Französischen von Eugen Helmlé; Stahlberg Verlag, Karlsruhe; 301 S., 19,80 DM

die Frage aufgedrängt, warum die beiden Helden dieses Buches von ihrem Autor immer wieder angehalten werden, den Geist des Fenchel, sei es verdünnt, sei’s unverdünnt, zu schlucken. Es wird sich, denke ich, doch wohl um Fenchel-Branntwein handeln, nicht um Kräutersaft. Denn beide Herren, was sonst sie immer unterscheiden mag, verfügen über jene potenten Gehirne, über die es bei Benn heißt, man dürfe sie nicht mit Blumenwasser begießen, sondern habe sie mit Alkaloiden zu stärken.

Der Autor von "Autobus S", "Zazie in der Metro", den Schriften der "Sally Mara" und der "Taschenkosmogonie" übt hier sein Ringelspiel mit Worten und Bildern der Sprache wirklich schwindelerregend. Wer nicht zu fliegen weiß, bleibt auf der Strecke. Das ist kein Roman, das ist ein Trapezakt.

Die Rahmenkonstruktion des phantasiebeschwingten Hochtrapezes läßt an Kabbala denken, die Zahlenmystik jener geheimen Gesellschaften, die zu Zeiten Casanovas und Sades ein Hort verspielter Freigeister waren. In einer Zeitklammer, die viermal hundertfünfundsiebzig Jahre gleich sieben Jahrhunderte einschließt, findet der Geist der Erzählung Raum für einundzwanzig, gleich dreimal sieben Kapitel, die ihrerseits dank des Traumvergnügens der alternierenden Helden einem permanenten Divisionsprozeß unterliegen, der schließlich (sofern wir mit dem Autor das Jahr 1964 als Gegenwart annehmen) die Grenze des Unteilbaren, unser Präsens passiert.